Sonntag, 15. April 2012

Das Monster, der Mann und das Mädchen


Es war einmal eine lange Straße in einer kleinen, verschlafenen Stadt irgendwo auf diesem Planeten. Die Straße - eigentlich mehr ein mit Kopfstein gepflasterter Weg - schlängelte sich träge zwischen den Häusern entlang und wand sich schließlich einen Hügel hinauf. Auf diesem Hügel stand ein Baum und unter dem Baum eine Bank. Auf der Bank saß ein kleines Mädchen.
    Früher hatte es oft mit seinem Vater dort gesessen, der es auf den Schoß nahm und ihm Geschichten erzählte. Nun aber sah man das Mädchen jeden Abend allein. Immer dann, wenn der Wind die letzten Atemzüge des Tages tat und das Laub vorbeiwirbeln ließ, das von den Bäumen gefallen war; wenn die Herbstsonne sich langsam zum Schlafen hinter den Horizont zurückzog und die Nacht bereits die ersten kühlen Boten ausschickte. Das Mädchen fröstelte ein wenig in seinem dünnen Kleid und rieb sich die Arme, die von Gänsehaut überzogen waren. Doch es ging nicht nach Hause, denn es wusste, dass es nicht mehr lange würde warten müssen.
    Nur ein paar Augenblicke später hörte es ein vertrautes Geräusch. Eine Stimme, noch lange bevor es ihren Besitzer sehen konnte. Die Stimme schimpfte und jammerte, schrie und fluchte und wurde immer lauter, je näher sie kam. Alle Menschen auf der Straße wichen zurück, Mütter zogen ihre Kinder ins Haus, Fensterläden wurden hastig geschlossen. Nur das kleine Mädchen blieb ganz ruhig auf seiner Bank unter dem Baum.
    Eine schwarze Gestalt bewegte sich langsam den Hügel hinauf. Ihr Gang war gebeugt, die Schultern hingen herab und schwere Schritte schlurften über das Pflaster, sodass man sie schon von Weitem kommen hörte. Dennoch war die Gestalt geradezu riesig und die Laute, die aus ihrem Mund drangen, waren Furcht einflößend. Ein verzerrtes Heulen wechselte sich ab mit einem Grollen, das bedrohlicher klang als der Donner, der bei Gewitter von den Bergen widerhallte. Dann wieder hörte man ein erbostes Schreien und Wettern, bevor es erneut in jammervolles Wimmern überging.
    Alle anderen ergriffen die Flucht, wenn sie es hörten. „Das Monster kommt!“, riefen sie, und jeder suchte so schnell es ging das Weite.
    Doch nicht das kleine Mädchen. Es kannte das Geheul bereits, denn das Monster lief jeden Tag durch die Stadt, immer schimpfend und fluchend und immer nahm es denselben Weg. So kam es, dass es jeden Abend zur gleichen Zeit den Hügel hinauf schlurfte. Immer dann, so fand das Mädchen, wenn der Abend seine schönste Stunde erreicht hatte.
    Doch das Monster nahm keine Notiz davon. Den Blick seiner trüben Augen stumpf geradeaus gerichtet, lief es jeden Tag an dem Baum vorbei, ebenso wie an der Bank, auf der das kleine Mädchen saß. Dieses beobachtete das Monster jedes Mal und immer schüttelte es den Kopf, wenn das Monster vorübergezogen war. - Wie konnte man nur den ganzen Tag so grummelig sein?!
    An diesem Abend aber hatte sich das Mädchen etwas vorgenommen. Als das Monster ein weiteres Mal an ihm vorbeigehen wollte, sprang das Mädchen von seiner Bank und stellte sich ihm in den Weg.
    „Warum schimpfst du so viel?“, fragte es geradeheraus.
    „Warum nicht?“, jammerte die schwarze Gestalt. „Du würdest auch schimpfen, wenn du so ein Monster wärst wie ich.“
    Das Mädchen schaute sich in alle Richtungen sorgfältig um.
    „Ich kann kein Monster sehen“, sagte es dann. „Ich sehe nur dich und mich und meinen Baum. Aber ein Monster ist mir hier noch nie begegnet.“
    Das Monster legte den Kopf leicht schräg und glaubte zunächst an einen Scherz. Doch als es dem Mädchen ins Gesicht sah - etwas, das es schon lange bei keinem Menschen mehr gewagt hatte - wusste es, dass das Mädchen nicht log.
    „Aber wenn ich kein Monster bin“, brummte es, „warum halten sich dann alle anderen von mir fern?“
    „Weil sie Angst haben“, antwortete das Mädchen. „Sie haben Angst davor, das zu sehen, was du siehst. Denn das muss ziemlich schrecklich sein, so wie du immer dreinschaust.“
    „Und warum weichst du nicht zurück?“, fragte das Monster misstrauisch.
    Das Mädchen schaute das Monster an, als hätte es gerade die dümmste Frage der Welt gestellt.
    „Weil ich dich lieb habe“, antwortete es schlicht.
    Das Monster wusste nichts zu sagen und für einen Moment vergaß es selbst das Schimpfen und Grollen.
    „Aber wie kannst du jemanden wie mich lieben?“, fragte es, als es eine Weile darüber nachgedacht hatte. „Hast du denn keine Angst?“
    „Wieso sollte ich?“, wunderte sich das Mädchen. „Das, was du siehst, ist nicht da, denn ich kann es nicht sehen. Und vor Dingen Angst zu haben, die nicht da sind, wäre töricht. Das hat einmal mein Papa gesagt, als er noch bei mir war.“
    In den Augen des Monsters leuchtete etwas auf, nur für einen kurzen Moment. Vielleicht Erkennen, vielleicht eine Erinnerung. Es nickte.
    „Und nun?“, fragte es, ratlos, weil es so lange mit niemandem mehr ein freundliches Wort gewechselt hatte.
    Mit einem Wink bedeutete ihm das Mädchen, dass es sich herunterbeugen sollte, und das Monster ging vor dem kleinen Mädchen auf die Knie, dass sie einander in die Augen sehen konnten.
    Da legte das Mädchen dem Monster seine dünnen Arme um den Hals und drückte es ganz fest. Und obwohl es nicht besonders viel Kraft hatte, spürte das Monster die Umarmung doch deutlich, denn ihm wurde ganz warm unter seinem schwarzen Zottelpelz.
    „Mach deine Augen zu“, sagte das Mädchen. Als das Monster gehorchte, gab es ihm einen Kuss, mitten auf die Stirn.
    Und da plötzlich fiel die schwarze Gestalt von ihm ab.
    Jeder, der in diesem Moment hinter seinen Gardinen hervorsah oder verstohlen um eine Häuserecke lugte, konnte beobachten, wie das Monster langsam verschwand und vom Wind davongetragen wurde.
    Als das kleine Mädchen seine Umarmung löste, war von dem Monster nichts mehr zu sehen. Stattdessen kniete vor ihm ein junger Mann. Auf seinem Kopf saß ein schwarzer Hut, der etwas schütter gewordenes Haar verdeckte und sein Kinn zierte ein dunkler Dreitagebart. Das Mädchen streichelte sanft darüber.
    „Danke“, sagte der Mann. „Dafür, dass ich kein Monster mehr bin.“
    Doch das Mädchen schüttelte nur den Kopf.
    „Das einzige Monster sitzt dort drin.“ Mit dem Finger tippte es dem Mann gegen die Stirn. „Du bist nie etwas anderes gewesen als der Mensch, den ich lieb habe.“
    Der Mann lächelte und drückte das Mädchen an sich. Dann stand er auf und die beiden fassten sich an den Händen, während sie gemeinsam die lange Straße hinabliefen.
    Morgen würden sie wiederkommen. Genau dann, wenn der Wind die letzten Atemzüge des Tages tat und das Laub vorbeiwirbeln ließ, das von den Bäumen gefallen war; wenn die Herbstsonne sich langsam zum Schlafen hinter den Horizont zurückzog und die Nacht ihre ersten kühlen Boten ausschickte. Dann würden sie zu zweit auf der Bank sitzen, das Mädchen auf dem Schoß des Mannes, und er würde eine Geschichte erzählen. Und gemeinsam würden sie dabei zusehen, wie der Abend seine schönste Stunde erreichte.
    So wie es früher gewesen war.

Kommentare:

  1. Das ist ja eine schöne Geschichte. :-) Deswegen machst du die Nacht durch? Du bist ja süß. :-*

    Wie kommt es denn, dass das Mädchen das Monster lieb hat, wo es das doch gar nicht wirklich kennt?

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    1. Es kennt das Monster ja. Siehe letzter Satz. ;)

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    2. Na aber woher? Hab ich das einfach nur nicht verstanden? Herrje, ich muss wohl noch mal lesen.

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    3. Musst du wohl. Im Prinzip steht es drin. Wie gesagt, der letzte Satz. ;)
      Aber bisher hat das, glaub ich, keiner so verstanden, wie es gemeint ist, von daher bist du in guter Gesellschaft. :-*

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    4. Dann hast du's vielleicht nicht genug ausgearbeitet. ;-) Also ich steh immer noch so'n bisschen auf der Leitung.

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    5. Dann musst du die Kommentare auf MyStorys lesen. :-*

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  2. hey ^^
    bin jetzt leserin bei dir
    schau doch auch mal bei mir vorbei :)

    lg Alisia

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