Samstag, 4. Februar 2012

Bis morgen

Ein schrilles Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Ein Klingeln. Das Telefon.
Ich werfe Block und Stift auf den Tisch und springe vom Sofa auf. Falle dabei fast über meine eigenen Füße, die vom langen Sitzen eingeschlafen sind.
Das Telefon klingelt weiter. In der Stille klingt es dreimal so laut.
Den ganzen Tag habe ich darauf gewartet. An manchen Tagen ist es das Einzige, was mich davon abhält, im Bett zu bleiben, einfach den Tag mit dem Kopf unter der Decke zu verbringen, wo es dunkel ist. Wo die Welt nicht zu mir durchdringt.
Ich beeile mich. Ich weiß, dass du es bist, lange bevor ich deinen Namen auf dem Display blinken sehe. Trotzdem hüpft mein Herz höher, sobald ich die geliebten Buchstaben erkennen kann.
„Na?“, sage ich, als ich mir den Hörer ans Ohr halte.
„Hey Süße!“ Die Stimme, auf die ich mich den ganzen Tag gefreut habe. Deine Stimme. Und noch etwas anderes. Gedämpft im Hintergrund. Das gleichmäßige Klackern einer Computertastatur.
„Wie geht‘s dir?“
Es ist eine dieser Fragen, auf die man eigentlich keine Antwort will. Eine, die man stellt, weil man sie stellen muss. Weil es sich irgendwie so gehört.
„Hmm ... ganz gut.“
Gut. Es ist eine Lüge. Du weißt es. Es auszusprechen, könnte es nicht deutlicher machen.
Aber niemand will es hören. Nicht jetzt.
Nur den Moment nicht zerstören. Er ist das Einzige, was ich habe. Was wir haben.
Wieder das Klackern im Hintergrund. Und noch was. Der Fernseher?
„Und bei dir?“, frage ich, um die Geräusche aus meinem Kopf auszusperren. Sie beanspruchen zu viel Raum. Raum, der für dich reserviert ist.
„Alles bestens“, sagst du, „wir sehen uns ja bald.“
Bestens. Für dich ist es das. Deine Welt funktioniert, könnte nicht besser sein, während meine sich rückwärts dreht, immer schneller, mit jedem „Klack“, das durch den Hörer zu mir dringt. „Bald“ rückt in unerreichbare Ferne.
„Du, da ist mir heute vielleicht was passiert ...“, beginnst du, als ich nicht antworte. „Das muss ich unbedingt noch der Anna erzählen!“ Anna. Ich habe keine Ahnung, wer Anna ist. Ich rede mir ein, dass es mich nicht interessiert.
Emsiges Tippen. Es stört mich nicht. Es ist mir egal. Es ist dieser eine Satz, der immer wieder in meinem Kopf abgespult wird, sich ständig wiederholt, immer wieder, sodass die Worte längst jede Bedeutung verloren haben. Es ist mir egal. Eine Endlosschleife leerer Silben, unauslöschlich eingebrannt. Doch außer schmerzhaften Wunden hinterlassen sie nichts.
Du erzählst mir von deinem Tag, von den Dingen, die du zu tun und die du geschafft hast. Davon, was dich gefreut, geärgert hat. Ich höre zu, unterbreche dich nicht. Sauge jedes Wort in mich auf, den Klang deiner Stimme.
Ich wünschte, ich könnte ein Teil davon sein. Teilhaben an deinem Leben. An dir. Mehr sein, als nur ein Telefonat am Abend, ein Gespräch unter vielen.
Ich schiebe den Gedanken weg, in die hinterste Ecke, wo so viele bereits lagern, und rede stattdessen von mir. Vom Aufwachen in einem leeren Bett, von einem leeren Tag, der genauso ist wie alle anderen davor und danach, und vom Warten, darauf, endlich das vertraute Klingeln zu hören. Im Ohr immer das gleichmäßige „Klack, klack, klack“ deiner Tastatur.
Du sagst nichts. Ich weiß, dass du da bist, dort, am anderen Ende der Leitung, und zuhörst, was ich erzähle. Aber ich spüre, dass du nicht bei mir bist.
In diesem Moment fühle ich mich noch einsamer als sonst.
Ich drücke den Hörer fester an mein Ohr, als könnte ich dir dadurch näher sein.
Ich sage nichts mehr. Lausche auf das Klackern im Hintergrund, das immer lauter zu werden scheint, sich in meinem Kopf bis zur Unerträglichkeit ausdehnt, bis du endlich fragst: „Sag mal, ist irgendwas?“
„Nein“, antworte ich, zu schnell. Aber du merkst es nicht.
„Nein ... nichts.“
Ich wische mit der freien Hand eine Träne weg, die sich einen Weg über meine Wange gebahnt hat, und unterdrücke das verräterische Schniefen.
„Ich vermisse dich“, sage ich, als ich mir sicher bin, dass ich wieder halbwegs normal atmen kann.
„Ich dich auch, Süße.“ Klack, klack, klack.
„Was machst du gerade?“
Kurz kehrt Stille ein. Bis auf den Fernseher, der im Hintergrund immer noch läuft.
„Ich? Och ... nichts weiter“, sagst du. Irgendwo ertönen die Geräusche einer Schießerei. „Ein bisschen Fernsehen.“
Das Klackern der Tasten setzt wieder ein. Ein wenig gedämpfter jetzt. Es sticht mir ins Ohr wie glühende Nadeln. Ins Ohr und durch bis ins Herz.
„Hör mal, Süße, ich bin hundemüde.“ Ein letztes Klackern unter deinen Fingern, dann ein dumpfes Geräusch. Das Zuklappen des Laptops. „Ich glaub, ich gehe lieber gleich ins Bett. War ein langer Tag.“
„Hmm“, mache ich.
Wir verabschieden uns, du sagst, dass du mich liebst.
„Bis morgen, ja?“
Dann legst du auf.
Ich halte den Hörer noch eine Weile in der Hand, lausche auf den gleichmäßigen Ton des Freizeichens. Wieder laufen mir Tränen übers Gesicht und dieses Mal mache ich mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen.
Dann, irgendwann, lege ich das Telefon zurück auf die Ladestation, zurück an seinen Platz.
Bis morgen.
Den nächsten Tag, an dem du nicht bei mir sein wirst.

Kommentare:

  1. Hallo,

    ich hab einmal einige Texte von dir überflogen. Da sind klasse Sachen bei. Ich mag das, wenn die Blogs mehr in Geschichten-Form geschrieben sind und wenn auch längere Dialoge dabei sind.

    Gruß Dieter

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    1. Hallo!

      Das hier ist auch kein Blog in dem Sinne. Dafür habe ich noch zwei andere. Hier sammle ich einfach nur meine Kurzgeschichten und Bilder und was ich sonst so verzapfe.
      Ich freue mich, dass du gestöbert hast und dass dir die Texte zusagen. :)

      Liebe Grüße!

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