Samstag, 5. November 2011

Der Stern, der vom Himmel fiel



Es war einmal ein kleiner Stern. Jede Nacht stand er am Himmel, immer an derselben Stelle, denn es gefiel ihm dort. Zusammen mit den anderen Sternen leuchtete er Menschen und Tieren im Dunkeln den Weg und sorgte dafür, dass sich die Seefahrer auch in der Nacht nicht verirrten. Viele Menschen sahen jeden Abend, wenn es dunkel wurde, zu den Sternen auf und freuten sich, dass sie da waren, und der kleine Stern fühlte sich wichtig, weil er wusste, dass er gebraucht wurde. Zwar hatte er, wie jeder andere Stern auch, seine Träume, aber im Grunde fehlte es ihm an nichts. Er hatte all das, was er wollte und tat, was ihm Spaß machte. Zumindest dachte er so.
    Doch eines Nachts schaute ein Mädchen zum Himmel hinauf. Von allen Sternen sah sie nur einen einzigen, nur den kleinen Stern, der dort zwischen all den anderen stand. Nur zu ihm sah sie auf und zu keinem anderen. Denn für sie war er der schönste Stern der Welt.  
    Auch dem Stern war das Mädchen aufgefallen. Und obwohl sie kein Sternenmädchen war, sondern nur ein ganz gewöhnliches Menschenkind, war sie für ihn etwas ganz Besonderes. Denn wenn sich ihre Blicke trafen, leuchteten ihre Augen heller als es jedes Sternenmädchen vermocht hätte, heller noch als alle Sterne am Himmel zusammen. Und dieses Leuchten galt nur dem kleinen Stern allein.
    So kam es, dass sich der Stern in das Erdenmädchen verliebte und sie sich in ihn. Doch weil der kleine Stern nun einmal am Himmel lebte und das Mädchen dort unten auf der Erde, konnten sie nie zueinander finden. Immer blieben sie getrennt. Nur nachts konnten sie sich sehen, doch auch dann lagen viele tausend Sternenlängen zwischen ihnen, die ihre geflüsterten Worte nicht zu überwinden vermochten. Nie konnte sich das Paar berühren, nie die Wärme des anderen fühlen. Nie konnten sie zusammen sein.
    Das alles machte das Mädchen sehr unglücklich. Jeden Tag und jeden Abend konnte der kleine Stern sie weinen sehen und ihre Tränen ließen auch ihn traurig werden. Ihm war es genug gewesen, das Mädchen aus der Ferne zu bewundern und zu wissen, dass es sein Mädchen war. Doch für das Mädchen auf der Erde war das nicht genug. Sie fühlte sich einsam, wenn der Stern tagsüber nicht am Himmel stand und nachts tat es ihr weh, dass sie ihn nicht berühren konnte, obwohl sie ihn doch so sehr liebte.
    Der kleine Stern wollte zu ihr fliegen, doch er zögerte. Denn er hatte hier oben am Himmel schließlich eine wichtige Aufgabe und wenn er seinen Platz verließ, würde ein anderer Stern ihn ersetzen und der kleine Stern würde nie wieder zurückkehren können.
    Der kleine Stern fürchtete sich davor. Er fürchtete sich, weil ihm all das vor langer Zeit schon einmal passiert war.

Früher hatte er an einem anderen Ort am Himmel gestanden. Auch dort hatte es ihm gefallen, auch dort hatte es ihm an nichts gefehlt. Und dennoch hatte er seinen Platz verlassen, als er sich in ein Sternenmädchen verliebte. Er hatte alles aufgegeben, was ihm wichtig gewesen war und was er hatte, nur um bei ihr sein zu können. Doch schon bald nachdem er zu ihr gekommen war, hatte sie ihn nicht mehr gewollt. Sie hatte ihn einfach stehen lassen, ganz allein an diesem neuen Ort, der ihm so fremd war, weil er außer dem Sternenmädchen dort niemanden kannte. Sie hatte einen anderen Stern gefunden, der ihr besser gefiel. Mit ihm zog sie davon.
    So war der kleine Stern allein zurückgeblieben. Enttäuscht, traurig und einsam. Lange hatte er danach gebraucht, um sich davon zu erholen und wieder so hell zu strahlen wie zuvor. Und er hatte sich fest vorgenommen, niemals wieder irgendetwas für ein Mädchen aufzugeben.
    Von diesem Tag an hatte er nur noch für sich selbst gelebt. Zwar hatte er auch an seinem neuen Platz schnell wieder Freunde gefunden, doch nie wieder wollte er jemandem sein ganzes Leben schenken.
  
Der kleine Stern dachte sehr lange nach. Dabei sah er zu, wie sein Erdenmädchen immer trauriger und trauriger wurde. Ihre Augen hatten längst aufgehört zu leuchten und der kleine Stern konnte schon gar nicht mehr sagen, wann er sie das letzte Mal hatte lächeln sehen. Und er merkte, dass auch er selbst nicht mehr glücklich sein konnte.
    Und da war seine Entscheidung gefallen.
  Er wollte, dass das Erdenmädchen - sein Erdenmädchen - wieder lachte. Er wollte, dass ihre Augen wieder strahlten und dass ihr Herz wieder glücklich war.
    Da nahm er seinen ganzen Mut zusammen und fiel vom Himmel. Ganz leise landete er vor dem Fenster des Mädchens und klopfte zaghaft an die Scheibe. Was, wenn er zu lange überlegt hatte? Wenn es längst zu spät war?
    Doch als das Mädchen das Fenster öffnete und den Stern erblickte - ihren Stern, der nur für sie den Himmel aufgegeben hatte und zur Erde gekommen war - und als er in ihre verweinten Augen sah und das alte Leuchten darin wiederentdeckte, das er so liebte - da wusste der kleine Stern, dass er dieses Mal die richtige Entscheidung getroffen hatte.

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