Mittwoch, 24. August 2011

Vom Gedanken, der auszog, gedacht zu werden

Es war einmal ein kleiner Gedanke, der schwebte etwas ziellos durch seine Welt. Das tat er jeden Tag, immerzu. Es gab viele Gedanken hier: große und kleine, bunte und weniger bunte. Manche waren sich auf den ersten Blick ähnlich, doch irgendetwas unterschied sie immer voneinander. Manchmal war es nur ein winziges Detail, doch es gab nie zwei, die genau gleich waren.
Der kleine Gedanke betrachtete die anderen. Er selbst war kaum vorhanden. Er existierte und irgendwie auch nicht. Denn er war noch ein junger Gedanke, noch ungedacht und deshalb beachtete ihn selten jemand. Für die meisten war er Luft. Normalerweise störte das den kleinen Gedanken nicht weiter, denn er war damit nicht allein. Es gab viele wie ihn, viele Ungedachte.
Doch heute war es anders. Während er so dahinflog, fragte er sich, was aus ihm wohl einmal werden würde. Er hatte gehört, dass manche Gedanken niemals gedacht wurden. Sie schwirrten immerfort durch die Welt, für immer ein Niemand, weil sie keiner sah. Und der Gedanke fragte sich, ob das wohl auch sein Schicksal war. Für immer Nichts zu sein. Ein ungedachter Gedanke.
Dem Gedanken schauderte. Nein, er wollte etwas werden. Ein Jemand. Einer, den man sah und mit dem man sprach. Nur wie?
Weil er so in seine Grübelei versunken war, hätte er beinahe nicht bemerkt, dass ihn jemand rief. Natürlich nicht beim Namen, denn Gedanken haben keine Namen. Die Stimme, die ihn rief, sagte einfach „Hey, du! Kleiner! Setz dich doch zu mir und leiste mir ein wenig Gesellschaft.“
Der kleine Gedanke sah sich um. Am Wegrand unter einem Baum saß ein anderer Gedanke auf einer Bank. Aber er war kein Ungedachter. Trotzdem sprach er mit ihm. Und trotzdem sah er schrecklich traurig aus.
„Was ist denn los?“, fragte der kleine Gedanke, „Solltest du nicht glücklich sein, gedacht zu werden?“
„Ach, weißt du ...“, murmelte der andere. Seine Stimme klang noch niedergeschlagener als er aussah. „Mich denkt niemand mehr.“
Das machte den kleinen Gedanken nun ebenfalls traurig. „Wie kommt das?“, fragte er, weil es das Einzige war, das ihm zu sagen einfiel.
„Ich war nicht gut genug für sie“, antwortete der andere.
„Für wen?“
„Die Person, die mich gedacht hat. Ich war nicht gut genug. Sie hat mich benutzt, jahrelang und am Ende hat sie mich verworfen. So, wie man Müll wegwirft. Hat einen anderen gefunden, der ihr besser gefällt. Ich wäre ihr zu alt und zu langweilig geworden, sagte sie. Von alten Dingen müsse man sich manchmal trennen, um Raum für neue zu haben. Das hat sie gesagt. Und dann hat sie mich nicht mehr gedacht. Einfach so.“
„Und was hast du jetzt vor?“, fragte der kleine Gedanke, als der andere in Schweigen verfiel. Es dauerte eine ganze Weile, bis er eine Antwort bekam.
„Ich werde verschwinden. Mich in Luft auflösen“, jammerte der andere. „Mein Leben ist gelaufen. Vorbei ...“
„Aber aber!“, empörte sich der kleine Gedanke. „Das Leben ist doch nicht gleich vorbei, nur weil dich eine verworfen hat. Es gibt noch tausend andere da draußen! Warum suchst du dir nicht eine, die dich zu schätzen weiß?“
Der andere Gedanke seufzte tief. „Ach Kleiner, ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Kraft dazu habe.“
Erst jetzt fiel dem kleinen Gedanken auf, wie dünn und grau der andere war. Besonders viel Kraft steckte wirklich nicht mehr in ihm. Da erhob sich der Verworfene und zog, noch immer traurig, von dannen.

Der kleine Gedanke blieb noch eine ganze Weile auf der Bank unter dem Baum und dachte nach.
Sollte so also das Leben sein, das da draußen auf ihn wartete? War es das, wovon alle sprachen? Er hatte immer geglaubt, gedacht zu werden sei etwas Tolles. Das Paradies. Der Himmel. Alle Ungedachten glaubten daran und hofften, dass auch sie eines Tages dorthin kommen würden. Dass sie es irgendwann selbst sehen würden. Doch hatte es irgendjemand jemals erlebt?
Der kleine Gedanke schüttelte den Kopf. Doch als er weiterfliegen wollte, schwebte etwas an ihm vorbei. Nein, nicht etwas. - Jemand! Denn als er genauer hinsah, erkannte er, dass es ein Gedanke war. Der Fremde war kein Ungedachter, doch er war so durchsichtig, dass man ihn kaum mehr sehen konnte.
„Hey, du! Was ist denn mit dir passiert?“, rief er dem Vorbeiziehenden zu. Im nächsten Moment schalt er sich selbst einen Narren. Schließlich war er ein Ungedachter. Ungedachte bekamen keine Antworten. Sie waren Luft.
„Mit mir?“, erklang da eine leise, kratzige Stimme. Es war die des Durchsichtigen. Er hatte auf seinem Weg innegehalten und sah den kleinen Gedanken aus trüben Augen an. „Du willst wissen, was mit mir passiert ist?“
„J-ja“, stammelte der kleine Gedanke, verwundert darüber, dass der Fremde ihm geantwortet hatte.
Der Durchsichtige schien ebenso erstaunt zu sein. „Das hat mich lange niemand mehr gefragt“, sagte er. „Überhaupt hat schon lange niemand mehr mit mir geredet.“
„Das liegt vielleicht daran, dass man dich schlecht sieht“, meinte der kleine Gedanke. „Man übersieht dich leicht, wenn du so durchsichtig bist, weißt du?“
„Das liegt daran, dass ich vergessen worden bin.“ Der Durchsichtige seufzte, als er sich neben ihm auf die Bank fallen ließ. „Wenn du vergessen wirst, verblasst du und irgendwann fängst du an zu verschwinden, bis es dich nicht mehr gibt. Ich bin schon fast fort.“
Der kleine Gedanke erschrak. „Aber wie kommt das? Wieso wurdest du vergessen?“
„Ach, weißt du, Kleiner“, murmelte der Durchsichtige. Sein Blick glitt in die Ferne, als könnte er dort etwas sehen, und seine Stimme war so leise geworden, dass der kleine Gedanke auf der Bank näher heranrücken musste, um ihn zu verstehen.  „Manchmal ist man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Abends, kurz vor dem Einschlafen, ist eine ganz schlechte Zeit für Gedanken, merk dir das.“ Er lachte kurz auf, aber es war ein freudloses Lachen. „Natürlich hatte man mir das auch gesagt. Damals, als ich in deinem Alter war. Aber ich flog trotzdem hinaus, um jemanden zu finden, der mich denken wollte.“
„Und hast du jemanden gefunden?“, fragte der kleine Gedanke neugierig.
Der Durchsichtige lächelte. „Oh ja, das habe ich. Ich traf sie in einer Bar. Wir verstanden uns auf Anhieb, waren auf derselben Wellenlänge. Aber es war die falsche Zeit. Ich dachte, wenn ich einen schönen Abend mit ihr verbringe, dann könnte ich mich bis in ihre Träume schleichen und für immer bei ihr bleiben. Aber so einfach war es nicht. Wir verbrachten die Nacht miteinander - eine wunderbare Nacht - doch in ihren Träumen war kein Platz für mich. Am nächsten Morgen hatte sie mich bereits vergessen.“
Der Durchsichtige seufzte tief, dann schwieg er. Eine ganze Weile sagte keiner von beiden ein Wort, bis der kleine Gedanke die Traurigkeit des anderen nicht mehr aushielt.
„Kann man denn nicht irgendetwas dagegen tun?“, fragte er. „Gegen das Verschwinden, meine ich.“
„Nein“, sagte der andere nur. „Nein, da kann man nichts tun. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Gedanken, als vergessen zu werden. Das kannst du mir glauben.“
Mit diesen Worten stand er auf und ging weiter seines Weges, ein kleines bisschen durchsichtiger als zuvor.

Auch der kleine Gedanke flog weiter. Wieder grübelte er nach über das, was er gehört hatte. Sollte das alles sein, was er vom Leben zu erwarten hatte? Wurde man nur gedacht, um später verworfen oder vergessen zu werden? War alles, was man den Ungedachten über das Gedachtwerden erzählte, nur ein Märchen?
Er schüttelte sich. Nein, wenn das alles war, was dort draußen auf ihn wartete, würde er lieber für immer ungedacht bleiben.
Aber der kleine Gedanke war noch nicht weit gekommen, da hörte er etwas. Ein Lied, so lieblich und schön, wie es nur jemand singen konnte, der glücklich und mit sich im Reinen war. Der kleine Gedanke folgte der Melodie, ließ sich von ihr tragen und spürte, wie alle Sorgen von ihm abfielen. Und dann sah er sie.
Das Lied hatte ihn weit fortgetragen, bis auf eine grüne Wiese, die von noch grüneren Hecken umstanden war. Und hinter einer dieser Hecken stand sie, die Melodie summend, die ihn hierher geführt hatte. Sie war groß und hübsch und schimmerte in einem zarten Rot, das die Sonnenstrahlen einfing, sodass sie von innen heraus zu leuchten schien. Sie war der schönste Gedanke, den er jemals gesehen hatte. Aber sie war nicht einfach nur ein Gedanke, nein. Sie war eine Idee. Eine Idee, die verwirklicht worden war.
„Hey du!“, säuselte sie.
Der kleine Gedanke zuckte zusammen. Hatte sie gerade mit ihm gesprochen?
„Du bist ein Ungedachter, nicht wahr?“
Sie hatte tatsächlich ihn gemeint!
„J-ja“, stammelte der kleine Gedanke verlegen. „Ja, das bin ich.“
„Du hast Glück“, meinte die Fremde. Ihre Stimme war tief und in seinem Kopf taufte er sie auf den Namen Rosa, auch wenn Gedanken eigentlich keine Namen haben.
„Wie meinst du das?“, fragte der kleine Gedanke, denn seine Schüchternheit wich langsam aber sicher der Neugier.
„Ich meine, dass du noch dein ganzes Leben vor dir hast. Du hast noch in der Hand, was aus dir wird.“
„Habe ich das?“, fragte er und dachte an die beiden Gedanken, den Verworfenen und den Vergessenen, die er auf dem Weg getroffen hatte.
„Sicher hast du das. Jeder hat das.“ Rosa lächelte. „Sieh mich an. Ich war auch einmal ein Ungedachter, ein Niemand, ebenso wie du. Und jetzt bin ich etwas Großes.“
„Du warst ein Niemand?“ Der kleine Gedanke traute seinen Ohren nicht. Jemand wie Rosa konnte unmöglich einmal so etwas Unscheinbares, Bedeutungsloses gewesen sein!
„Aber natürlich. Jeder Gedanke fängt einmal klein an“, antwortete sie. „Aber es liegt allein an dir, was du daraus machst.“
„Wie werde ich denn zu etwas Großem, so wie du?“, wollte der Gedanke wissen. „Bitte, verrat es mir!“
„Nun, es ist nicht ganz so einfach“, meinte Rosa mit ernstem Blick. „Du musst es wollen. Wirklich wollen. Finde jemanden, der dich denkt, von deinem Anfang bis zu deinem Ende, der dich mit anderen Gedanken verbindet und -„
„Mit anderen Gedanken verbindet?“, unterbrach der kleine Gedanke. „Aber bin ich dann überhaupt noch ich?“
Rosa bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick. „Vielleicht nicht. Vielleicht wirst du dich verändern. Vielleicht wirst du dich sogar verlieren“, murmelte sie. „Aber manchmal muss man das Risiko eingehen, weißt du? Um etwas Neues zu werden, etwas Besseres.“
Der kleine Gedanke nickte. „Und die anderen Gedanken? Der Verworfene und der Vergessene? Haben sie sich dabei verloren?“
„Vielleicht“, antwortete Rosa. „Vielleicht haben sie sich aber auch schon viel früher verloren. Vielleicht hatten sie sich nie.“
„Was meinst du damit?“
„Sie haben sich selbst vergessen. Sie haben ihr Ziel aus den Augen verloren. Sie haben vergessen, wer sie sind. Deshalb haben sie keinen Mut, es noch einmal zu versuchen. Den braucht man nämlich dazu, weißt du?“
„Mut ...“, wiederholte der kleine Gedanke und ließ das Wort dabei lange zwischen ihnen tanzen, wie ein Glühwürmchen in einer Sommernacht.
„Ja. Mut, um hinaus in die Welt zu fliegen und gedacht zu werden, und Selbstvertrauen, damit du dich an dir selbst festhalten kannst, wenn ein Versuch misslingt.“
„An mir selbst festhalten? Aber wozu? Bleibe ich dann nicht ewig allein?“
„Nun, vielleicht muss man manchmal eine längere Strecke allein zurücklegen. Auf manchen Wegen ist eben nur Platz für einen.“ Rosa lächelte und ließ ihren Blick über die Wiese bis zum Horizont wandern, wo er schließlich verharrte. „Wichtig ist, dass du dich immer daran erinnerst, wer du selber bist. Und was du sein wirst. Vergiss das niemals. Denn wenn du selbst nicht mehr daran glauben kannst, etwas Großes zu sein - wie sollen andere es in dir sehen?“
„Hmm“, machte der kleine Gedanke, „Sie können nicht sehen, was nicht da ist, nicht wahr?“
„Ganz recht.“ Rosa nickte. „Also musst du dafür sorgen, dass es etwas zu sehen gibt.“
Der kleine Gedanke dachte eine Weile darüber nach. Dann plötzlich fiel ihm etwas ein.
„Aber wie kann es sein, dass sie heute mit mir sprechen?“, fragte er. „Erst die beiden auf dem Weg und nun du. Ich bin ein Ungedachter. Mit Ungedachten spricht niemand. Sie sind Luft. Nichts. Niemand!“
„Das liegt daran, dass deine Zeit gekommen ist“, meinte Rosa und schenkte ihm ein letztes wärmendes Lächeln. „Zieh los, kleiner Gedanke. Fliege hinaus in die Welt.“
Mit einem sanften Hauch pustete sie ihn davon, bevor der kleine Gedanke so recht wusste, wie ihm geschah. Doch ihre letzten Worte begleiteten ihn noch lange auf seiner Reise:
„Ziehe los, kleiner Gedanke. Ziehe los, um gedacht zu werden.“

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