Mittwoch, 17. August 2011

Regentropfenherzen

Die Zugtüren schließen sich mit einem dumpfen Krachen. Ich sitze am Fenster, du stehst auf dem Bahnsteig. Das Glas, das uns trennt, erscheint mir meterdick. So undurchdringbar, dass ich die Worte nicht hören kann, die deine Lippen formen. Doch das macht nichts. Ich weiß, was du sagst, denn wir fühlen beide dasselbe.
Mit dem Finger malst du ein kleines Herz auf die regenfeuchte Fensterscheibe, dann noch eins daneben. Ich lege meine Hand gegen deine, ein letztes Mal, bevor sich der Zug in Bewegung setzt.
Zuerst langsam, dann immer schneller nimmt er mich mit, lässt dich zurück. Reißt mich fort von dir. Ich kann dich noch sehen, dort am Bahnsteig. Ich winke dir zu und versuche dabei irgendwie zu lächeln, während du immer kleiner wirst, dich immer weiter von mir entfernst. Doch das Lächeln schwindet schnell, als der Zug um die Kurve biegt und du endgültig aus meinem Blickfeld verschwunden bist. Ab jetzt werde ich mich mit jeder Minute mehr von dir entfernen. Der Gedanke schmerzt.
Du wolltest mich trösten, sagtest mir, dass wir uns bald schon wiedersehen. Doch die Worte trösten schon lange nicht mehr. Keinen von uns. Du weißt es genauso gut wie ich.
Es fängt an zu regnen, wieder einmal. Das Wasser fließt in kleinen Bächen über die Fensterscheibe. Verwischt die Herzen. Bald werden sie ganz verschwunden sein. Bleiben wird nur eine makellose Decke aus Regentropfen und nichts wird mehr an die Sehnsucht erinnern, die ich in diesem Moment fühle. Niemand wird je die Tränen sehen, die ich mühsam hinunterschlucke, eine für jede Minute, die ohne dich vergeht.
Der Platz neben mir ist immer noch frei. Ich wünschte, du wärst hier. An meiner Seite, meine Hand in deiner. Doch das ist unmöglich. Der Platz bleibt leer und wird es auch die ganze Fahrt über bleiben, wie um mich beständig daran zu erinnern, dass du nicht bei mir bist. Als ob ich dafür eine Erinnerung bräuchte ...
„Besser so“, will die Stimme in meinem Kopf sagen. „Ein bisschen Zeit für dich.“ Doch mehr als ein heiseres Flüstern bringt sie nicht mehr heraus. Zu viel hat sie schon geredet. Zu oft immer wieder dieselben Sätze wiederholt. Ihr fällt längst nichts Neues mehr ein, denn sie weiß, dass sie Unrecht hat. Weiß es ebenso gut wie du und ich.
Es ist merkwürdig - man kann immerzu allein sein, ein ganzes Leben lang, und sich nie daran stören. Doch sobald man einmal erfahren hat, was es heißt, zu zweit zu sein, kann man mit dem Alleinsein plötzlich nicht mehr umgehen.
Ob man es wieder lernen kann? Lernen, allein zu sein, wenn man es muss?
Vermutlich ist es eine Frage des Wollens, wie so Vieles im Leben. Und mir wird klar, dass ich es nicht will, im Gegenteil. Am liebsten würde ich alles vergessen, was ich über das Alleinsein weiß, hier und jetzt, und es nie wieder lernen müssen.
Draußen wird es langsam dunkel. Die Nacht schluckt, was von den Herzen am Fenster noch übrig ist und macht sie unsichtbar. Nur manchmal werden sie noch von vorbeiziehenden Lichtern beleuchtet. Dann kann ich sie kurz sehen. Doch sie sind kaum mehr da.
Die Frau auf dem Platz gegenüber ist eingeschlafen. Ich sehe ihre Spiegelung in meiner Fensterscheibe. Sehe, wie sich ihre Brust langsam hebt und senkt. Sie hat ein Lächeln auf den Lippen, sicher träumt sie etwas Schönes. Vielleicht sollte ich auch schlafen. Vielleicht würde ich dann auch etwas Schönes träumen. Vielleicht sogar von dir. Aber ich schlafe nicht ein. Ich habe zu viel Angst, den Ausstieg zu verpassen. Dabei ist das unmöglich. Auf der Fahrt ins Nirgendwo bleibe ich bis zur Endstation sitzen.
Ich beobachte die Regentropfen, die an der Scheibe hinabrinnen. Sie fließen ineinander, vereinen sich zu einem. Wie zwei Herzen, die sich gesucht und gefunden haben. Die man nicht mehr trennen kann. Nicht trennen darf. Wie du und ich.
Es ist wieder dunkel, weit und breit keine Straßenlaterne in Sicht. Ich lehne den Kopf gegen das Fenster. Dort, wo bis eben noch deine Herzen waren. Die Scheibe ist kalt. Keine Spur mehr von der Wärme deiner Finger. Es erinnert mich daran, dass ich heute Nacht allein ins Bett gehen werde, ohne deine Arme, die mich halten. Ohne deinen sanften Atem an meinem Ohr. Ohne dich.
Der Schaffner kündigt die letzte Haltestelle an. Ich steige aus, werfe einen letzten Blick auf das Fenster mit den Herzen. Von außen sind sie besser zu sehen.
Ich lege meine Hand darauf, versuche ein letztes Mal deine Wärme zu spüren. Dann wische ich sie weg, nehme sie mit mir. Zurück bleibt nur eine makellose Decke aus Regentropfen und nichts erinnert mehr an die Sehnsucht, die ich in den letzten Stunden fühlte.
Ich wische mir mit der feuchten Hand über die Augen. Niemand sieht die Tränen, die mir in diesem Moment über die Wangen laufen. Denn es sind keine Tränen.
Es sind Regentropfenherzen.

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