Montag, 20. Juni 2011

Bunte Flaschen

„Zieh dir bitte Schuhe an, ich sag‘s nicht nochmal ...“
Mama schaut mich böse an. Sie mag es nicht, wenn sie etwas mehr als einmal sagen muss. Ich weiß das. Aber ich habe keine Lust, meine Hausschuhe zu suchen. Außerdem wird Mama sowieso nichts anderes tun, als finster zu schauen und zu schimpfen. Sie sitzt auf dem Sofa und starrt in den Fernseher, in der Hand eine dunkelrote Flasche, wie fast immer, seit sie nicht mehr zur Arbeit geht.
Erst als sich die Wohnungstür öffnet, sieht sie kurz auf. Aber ihr Gesichtsausdruck bleibt unverändert.
Papa ist da. Ich erkenne ihn an seinem schweren Gang und dem Geräusch, das sein Schlüsselbund macht, wenn er es neben der Tür an den kleinen Haken hängt. Jeder von uns hat so einen Haken. An meinem klebt ein Aufkleber mit einer gelben Blume darauf. Aber seiner bleibt immer öfter leer. Papa kommt nicht oft nach Hause in letzter Zeit.
Ich laufe zu ihm und werfe mich in seine Arme. Er fängt mich und wirbelt mich durch die Luft. Es fühlt sich an, als würde ich fliegen und es kribbelt im Bauch. Ich höre mein eigenes Lachen und auch Papa lächelt. Das macht er nur selten, aber ich finde es schön, weil er dann weniger streng aussieht.
„Hallo, Prinzessin“, sagt er.
Dann fällt sein Blick über meinen Kopf hinweg.
„Hey, Großer.“
Mein Bruder hat den Kopf aus seinem Zimmer gesteckt. Er verlässt es nur, wenn er unbedingt muss. Er sagt nichts, sieht Papa nur kurz an und verschwindet wieder hinter seiner Tür.
Manchmal stelle ich mir vor, dass die Tür eine dicke Mauer aus Stein ist und dahinter liegt das Reich meines Bruders, in dem er König ist und gegen riesige Drachen kämpft und Prinzessinnen in rosa Ballkleidern rettet. Früher haben wir uns oft solche Spiele ausgedacht. Dann war ich die Prinzessin und er war meistens der böse Drache. Ich weiß nicht, wann wir damit aufgehört haben oder warum. Irgendwann hat er sich verändert, ist immer ruhiger und ernster geworden. Man kann es sogar in seinen Augen sehen.
„Er wird eben erwachsen“, hat Mama gesagt. Aber ich finde, dass er überhaupt nicht wie die Erwachsenen ist. Die meiste Zeit ist er da und doch irgendwie nicht, so als wäre er nur eine leere Hülle, eine Puppe, und in Wirklichkeit ganz woanders. Vielleicht ist er irgendwann in einem unserer geträumten Königreiche verloren gegangen und ich habe es nicht bemerkt. Mama sage ich nichts von meiner Befürchtung. Ich habe Angst, dass sie dann mit mir schimpft.
Papa hat seine Schuhe achtlos in die Ecke geworfen. Die Jacke hat er noch an und scheint sie auch nicht ausziehen zu wollen, dabei ist es hier drin gar nicht kalt. Er geht in die Küche und holt sich einen Schokoriegel aus dem Kühlschrank, bevor er sich im Wohnzimmer in den großen Sessel fallen lässt. Er sagt Mama nicht einmal hallo. Früher haben sie sich immer einen Kuss gegeben, wenn Papa von der Arbeit nach Hause kam. Aber das machen sie schon lange nicht mehr.
Ich will auf Papas Schoß klettern, damit er mir eine Geschichte erzählt. Das kann er gut. Seine Geschichten sind die besten, weil es darin immer eine starke Prinzessin gibt, die keinen Prinzen braucht, der für sie kämpft und keine reichen Eltern, die ihr alles geben.
Aber Mama sagt, ich soll in mein Zimmer gehen und spielen.
„Mama und Papa müssen reden“, sagt sie.
Auf Papas Gesicht steht eine Mischung aus Traurigkeit und Wut, als er Mama ansieht. Er war lange nicht hier. Wahrscheinlich hat er eine ganze Menge Geschichten zu erzählen, aber Mama lässt ihn gar nicht zu Wort kommen. Sie schiebt mich einfach aus dem Raum und schließt die Wohnzimmertür.
Durch das Glas kann ich sie immer noch sehen. Sie sitzen da, jeder auf seiner Seite, und schweigen sich an. Sie reden überhaupt nicht.
Papa steht auf und öffnet den großen Wohnzimmerschrank, in dem die Gläser stehen. Er holt zwei davon heraus und dazu eine grüne Flasche, die nur noch halbvoll ist.
Ich gehe in mein Zimmer. Ich will nicht weiter zuschauen, denn ich weiß, was gleich passieren wird. Es ist immer dasselbe.
Ich versuche, etwas zu spielen, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Meine Gedanken ziehen mich immer wieder zurück zu Mama und Papa, die immer noch im Wohnzimmer sitzen.
Jetzt kann ich sie hören. Sie streiten. Papa wird laut. Mama weint. Dann wird auch sie laut. Irgendetwas kracht zu Boden und ich höre das Klirren von Glas. Ich hoffe, dass es die grüne Flasche war. Hoffe, dass gleich alles vorbei ist.
Ich mag die Flaschen nicht. Fast immer wird eine aus dem Schrank geholt, vor allem wenn Papa nach Hause kommt und meine Eltern zusammen im Wohnzimmer sind. Die Flaschen sind bunt, jede hat eine andere Farbe. Grün, blau, braun … eigentlich ganz hübsch. Aber immer, wenn sie auf dem Tisch stehen, schreien sich Mama und Papa an.
Ich krieche in meinen Kleiderschrank und verstecke mich unter den Sachen. Das mache ich immer, wenn es wieder einmal so weit ist. Hier drin ist es zwar stockfinster, aber dafür höre ich auch nicht mehr so viel von draußen. Ich will es nicht hören. Es tut mir weh. Ich will Mama und Papa nicht so sehen, will, dass sie sich vertragen und dass alles wieder so ist wie früher. Früher, als noch alles gut war.
Ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber mein Bruder hat mir erzählt, dass sie früher nie so waren. Wenn ich mich mit ihm um ein Spielzeug stritt, sagten sie immer, dass wir lieb zueinander sein sollten, weil Streit etwas ganz böses ist.
Aber dann fingen Mama und Papa an, immer öfter miteinander zu streiten. Am Anfang waren es nur kleine Diskussionen über ganz unwichtige Sachen, aber jedes Mal wurden sie lauter dabei, bis es so schlimm wurde wie jetzt. Und irgendwann war Mama plötzlich weg. Ich weiß nicht, wo sie war, aber sie war lange fort.
„Mama ist in den Urlaub gefahren. Sie braucht einfach mal ein bisschen Erholung, weißt du?“, hat Papa gesagt, als ich ihn danach fragte. Ich wollte wissen, wann sie wiederkäme, aber darauf antwortete er immer nur „Bald, Prinzessin. Bald.“ Jeden Tag.
Als Mama dann wiederkam, dachte ich, dass alles wieder gut wäre. Aber das war es nur für ein paar Tage. Vielleicht eine Woche. Mama ging nicht mehr zur Arbeit und Papa schrie sie deshalb dauernd an. Jetzt finden sie immer neue Gründe, um sich zu streiten. Immer dann, wenn Papa nach Hause kommt.
Im Schrank ist es dunkel und am liebsten würde ich einfach einschlafen und erst wieder aufwachen, wenn alles vorbei ist. Aber ich kann nicht. Ich kann sie hören, drüben, im Wohnzimmer.
Papa schreit wieder. Mama brüllt zurück. Ihre Stimme zittert dabei, als müsste sie sich große Mühe geben, um nicht zu weinen. Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen. Sie sind warm. Fast schon haben sie etwas Tröstliches an sich. Ich lege den Kopf auf die Knie, halte mir die Ohren zu. Ich will nichts mehr hören von ihrem Geschrei. Nie wieder.
Die Schranktür geht auf und ich bin geblendet vom Licht, das plötzlich in meine dunkle Höhle fällt. Durch die Tränen erkenne ich verschwommen eine Gestalt, die sich vor mich gekniet hat. Ich muss nichts sehen, um zu wissen, dass es mein Bruder ist. Er weiß, dass ich mich hier verstecke. Ich ziehe ihn zu mir hinein. Wenn wir uns kleinmachen, reicht der Platz für uns beide. Er nimmt mich ganz fest in den Arm und streichelt mir über den Kopf. In diesem Moment ist er wieder da, ist wieder mein großer Bruder.
„Sie haben wieder die bunten Flaschen rausgeholt“, flüstert er.
„Ja“, sage ich.
Ich hasse sie. Hasse die bunten Flaschen. Sie machen, dass sich Mama und Papa nicht mehr lieb haben.
Im Wohnzimmer wird es wieder laut, wieder fällt irgendetwas zu Boden. Mein Bruder zieht mich fester in seine Arme. Wir wollen beide nicht wissen, was es dieses Mal war.
Dann knallt die Wohnungstür. Stille tritt ein, legt sich gespenstisch, aber irgendwie auch befreiend über unsere Wohnung.
Wir wissen, was das heißt. Papa ist fort. Mama wird im Wohnzimmer sitzen und versuchen, ihre Tränen vor uns zu verstecken. Mein Bruder wird die Scherben zusammenkehren und danach wieder hinter den dicken Mauern seines Königreiches verschwinden. Es ist immer dasselbe.
Und wie immer habe ich den gleichen Gedanken: Ich hab ihn lieb, meinen Papa. Aber ich hoffe, dass er so bald nicht wiederkommt.

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