Freitag, 24. Dezember 2010

Alle Jahre wieder - Anekdoten von hinter der Ladentheke

24. Dezember

Es ist so weit: Der 24. Dezember ist da. Doch zwischen dem Buchhändler und seinem besinnlichen Heiligabend liegen noch ein paar Stunden Kassieren, Beraten und Geschenkeverpacken.
Aber er ist ja nicht allein, denn nicht nur die lieben Kollegen, sondern auch zahlreiche Kunden leisten ihm dabei Gesellschaft. Besonders gegen Mittag sind noch viele verzweifelte und zum Großteil männliche Wichtel auf dem Weg von einem Geschäft zum nächsten, auf der Suche nach dem letzten Geschenk. Nicht selten endet so ein Marathon in der Buchhandlung.
Dabei ist jetzt auch schon völlig egal, ob das Gekaufte tatsächlich passt. Das ›perfekte Geschenk‹ steht längst außer Frage. Hauptsache es geht irgendwie in die Richtung von irgendwas, das dem Beschenkten vielleichteventuellmöglicherweise gefallen könnte und die Frage »Kann ich das im Notfall umtauschen?« hört der Buchhändler ja auch nicht zum ersten Mal in diesem Weihnachtsgeschäft.
Fünf Minuten vor Ladenschluss stürmt ein junger Mann herein. Suchend schaut er sich um, tigert die Regalreihen auf und ab und mit jeder Runde sieht man seine Verzweiflung wachsen wie ein Eitergeschwür.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt man – nicht ganz uneigennützig.
»Äh ... ähm ... Bis wann haben Sie denn offen?«
Nach einem äußerlich ruhigen Blick auf die eigene Armbanduhr antwortet man wahrheitsgemäß »Bis vor drei Minuten«, was den Mann erst recht ins Schwitzen bringt.
»Dann ... äh ... also dann hätte ich gern einen Gutschein, geht das noch?«
Mit der letzten verbliebenen Energie bringt man ein freundliches Lächeln zustande. Aber natürlich, gern. Ein Gutschein ist toll. Ein Gutschein geht schnell.
Man begibt sich zur Kasse, vermerkt den gewünschten Wert in Zahl und Wort auf dem weihnachtlich bedruckten Stück gestärkten Papiers und will soeben das Datum hinzufügen, als man jäh unterbrochen wird.
»Halt! Äh, können Sie da vielleicht auch, äh, also, ein anderes Datum draufschreiben? Weil, also, na, damit meine Freundin nicht merkt, dass ich erst heute ... ähm ... Geht das?«
Man nickt wissend, verkneift sich aber den Hinweis darauf, dass die besagte Freundin das richtige Datum auch auf dem Kassenzettel lesen kann, den der junge Mann kurze Zeit später in Gedanken versunken in die Gutscheinkarte hineinlegen und dort vergessen wird. Dafür gibt es zumindest ein besonders schönes Kuvert und eine Tüte gleich dazu.
Als der Kunde den Laden verlässt, atmet man erleichtert auf. Die Tür wird abgeschlossen, die Kasse gezählt und die Lichter gehen aus. Jetzt heißt es auch für den Buchhändler endlich:

Frohe Weihnachten.

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