Samstag, 26. August 2006

Wenn Engel weinen

Beißende Kälte in bleischwerer Luft. Düstere Wolken hingen tief über regennasser Erde. Laine versuchte nicht die Tränen zurückzuhalten, die ihr in von Wimperntusche schwarz gefärbten Bächen über die Wangen rannen. Dass sie sich am Morgen überhaupt geschminkt hatte, lag nur daran, dass sie ihre Hände irgendwie hatte beschäftigen müssen, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. – Ganz im Gegensatz zu Dan. Der sonst so zerstreute und verrückte Mann war ungewohnt ruhig. Zwar war er nie der Mensch gewesen, der viel sprach, hatte schon immer mit Worten gegeizt und nur selten seine zumeist wirren Gedanken mit jemand anderem als seinem Notizblock geteilt, doch Laine konnte sich nicht erinnern, seine Stimme in den letzten Tagen überhaupt einmal gehört zu haben. Sein Gesicht war bis auf ein paar Regentropfen unberührt. Der Ausdruck, der darauf lag, war irgendwo zwischen nachdenklich und zerknirscht einzuordnen, mit seinen Gedanken war er ganz woanders.
Seine bernsteinfarbenen Augen blickten ins Leere, seine Umgebung, so wusste Laine, nahm er nur bruchstückhaft wahr. Seine Züge verrieten keine Gefühlsregung, keine Träne fand den Weg über sein Gesicht.
Dan hatte früh gelernt, seine Emotionen zu verbergen, um nicht als Schwächling oder Memme verschrieen zu sein, doch das war nicht der Grund.
Er war nicht traurig, durfte es nicht sein.
Lillian hatte es ihm verboten.
Ein leises Lächeln flog über sein Gesicht, ohne seine Augen zu berühren. Dan erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem Laine Lillian mit in sein Labor gebracht hatte.
Alle hatten immer behauptet, Lillian habe die Schönheit ihrer Mutter und den Verstand ihres Vaters geerbt. Und seinen Wissensdurst.
Lillian hatte sich schon immer gefragt, wo und wie ihr Vater arbeitete und war noch nicht ganz aus dem Staunen heraus, als sie bereits anfing Fragen zu stellen. Dan musste ihr alles genau erklären, bevor sie sich endlich zufrieden gab.
Er wusste, dass es unvernünftig war, doch da Dan mit Laine noch einige Dinge zu klären hatte und draußen ein Regenschauer nach dem anderen niederging, erlaubte er Lillian, sich allein in dem großen Gebäude umzusehen, wenn sie niemanden bei der Arbeit störte und sich nicht zu weit von seinem Labor entfernte.
Als Lillian den Raum verlassen hatte, warf Dan seiner Frau einen wütenden Blick zu. „Warum hast du sie mit hierher gebracht?“, fauchte er.
„Vielleicht, weil sie ihren Vater zur Abwechslung gerne mal wieder zu Gesicht bekommen würde, anstatt immer nur seine Stimme am Telefon zu hören.“, zischte Laine zurück.
Dan wollte protestieren, musste jedoch zugeben, dass sie Recht hatte. Zwar versuchte er so viel Zeit wie möglich mit seiner Tochter zu verbringen, doch in den letzten Wochen hatte ihn die Arbeit so sehr in Anspruch genommen, dass er nicht einmal an Lillians siebtem Geburtstag zu Hause gewesen war.
Doch so hatte er sich auch um die längst überfällige Auseinandersetzung mit Laine drücken können, die er seit einem heftigen Streit vor sich her geschoben hatte. Er wusste, für Laine wäre das Ganze mit einer simplen Entschuldigung vom Tisch, doch sein Stolz hinderte ihn daran, diese einfachen Worte auszusprechen. So führten sie erneut endlose Diskussionen über Egoismus, fehlenden Familiensinn und Dans mangelndes Interesse an der Farbe der neuen Küchengardinen.
Bis sie ein panischer Aufschrei unterbrach.
Für den Bruchteil einer Sekunde starrten Laine und Dan sich an, bevor sie im selben Augenblick zur Tür hinaus stürmten.
Während Laine zunächst überhaupt nichts denken konnte, befürchtete Dan bereits das Schlimmste und das kalte Licht der flackernden Neonröhren in den verzweigten Fluren jagte ihm einen zusätzlichen Schauer über den Rücken.
Er arbeitete für das örtliche Tropeninstitut und beschäftigte sich in seinem Labor vorrangig mit der Erforschung tropischer Krankheiten und der Findung und Verbesserung wirksamer Medikamente.
Einige Tage zuvor hatte er eine Lieferung positiv auf Malaria getesteter Hunde erhalten, die er aus Platzgründen in den verwinkelten Korridoren untergebracht hatte. Hier im Keller des Forschungszentrums befanden sich außer Dans Labor nur einige Lager- und Vorratsräume, sodass die aus afrikanischen Tierheimen stammenden Tiere niemanden besonders gestört hatten.
Als Dan um die nächste Ecke bog und Lillian ängstlich zitternd und mit weit aufgerissenen Augen am Boden vorfand, blieb er abrupt stehen. Sein Blick streifte die offen stehende Käfigtür, bevor er an dem hässlichen Tier hängen blieb, das sich bedrohlich knurrend und zähnefletschend vor seiner Tochter aufgebaut hatte.
Als der Hund den Kopf umwandte und Dan erblickte, der begonnen hatte, langsam mit ausgestreckten Armen und erhobenen Händen auf ihn zuzugehen, floh er halb bellend, halb winselnd in die entgegengesetzte Richtung.
„Kümmere dich um die Kleine, bring sie ins Labor und beruhige sie!“, wies Dan Laine an, die ihn gerade erst eingeholt hatte und immer noch atemlos keuchte. „Ich fange den Hund ein.“, fügte er hinzu, bevor er dem entlaufenen Tier nachrannte.
Als Dan nach erfolgreicher Jagd in sein Labor zurückkehrte, fand er Laine am Boden hockend, vor ihr Lillian, die, noch immer zitternd, in dem bequemen schwarzen Schreibtischstuhl fast unterging.
Als ihre Blicke sich trafen, sank sie noch mehr in den Sessel und der Ausdruck ihrer meerblauen Augen wechselte von erschrocken zu schuldbewusst.
Sicher erwartete sie, dass er zornig werden oder sie anschreien würde, doch Dan schob Laine, die sich erschöpft die müden Augen rieb, nur sanft beiseite und ging vor seiner Tochter in die Knie, damit sie ihm in die Augen sehen konnte.
„Lillian, sag mir, warum hast du den Hund aus seinem Käfig gelassen?“ Von draußen trommelte Regen gegen die kleinen Fenster des Labors.
Der ruhige Ton ihres Vaters verriet Lillian, dass er zwar sauer, jedoch viel mehr besorgt war. „Entschuldigung, Daddy.“ Bedrückt sah sie zu Boden. „Er tat mir so leid, ich wollte, dass er nicht mehr so traurig aussieht.“
In diesem Moment war es Dan endgültig nicht mehr möglich, dem Mädchen, das ihn mit traurigen Augen musterte, böse zu sein.
„Warum sind die Hunde eingesperrt, Daddy?“
Dan seufzte. „Liebes, diese Tiere sind sehr, sehr krank. Wenn der Hund dich gebissen hat, könnte er dich mit der gefährlichen Krankheit angesteckt haben.“ Er sah seine Tochter eindringlich an. Draußen war der heftige Schauer in einen ruhigen Landregen übergegangen.
„Es geht mir gut, Daddy. Er hat nicht gebissen.“, meinte Lillian, während sie wieder zu Boden blickte.
Zwei Wochen später, als längst niemand mehr über den Vorfall sprach, bekam Lillian plötzlich hohes Fieber. Da auch der Kinderarzt keine Ursache dafür fand und Lillians Körpertemperatur trotz Medikamenten weiter anstieg, wurde sie noch am selben Abend ins Krankenhaus eingeliefert. Dort hatte man das Fieber zwar sehr schnell unter Kontrolle gebracht, doch Lillian ging es zusehends schlechter. Sie klagte über starke Schmerzen, konnte jedoch nicht sagen, wo genau sie diese verspürte. Außerdem war sie ungewöhnlich müde und zeitweise kaum ansprechbar.
Als Dan sie wenige Tage später im Krankenhaus besuchte, war sie zwar wach, doch in ihren Augen lag ein glasiger Schimmer und ihr Blick war genauso trüb, wie der wolkenverhangene Himmel.
„Hallo Daddy.“ Ihre Stimme klang matt und seltsam belegt.
„Hallo Liebes. Wie geht es dir?“ Sanft strich Dan seiner Tochter über die blonden Locken. Wie ähnlich sie ihrer Mutter sah, fuhr es ihm durch den Kopf.
„Ich bin müde. Und mir ist kalt, Daddy.“, kam die heisere Antwort.
Kalt? Dan runzelte die Stirn. Es war Hochsommer, draußen herrschten trotz des schlechten Wetters konstante dreißig Grad und auch in dem kleinen, wenig gelüfteten Zimmer fand Dan es fast unerträglich warm. Außerdem war Lillian bis zur Nasenspitze zugedeckt. Wie also konnte das Kind noch frieren? Doch Dan behielt die Frage für sich, berichtete ihr statt dessen, dass die Nachbarshündin geworfen hatte und sie sich einen der Welpen als nachträgliches Geburtstagsgeschenk aussuchen durfte, sobald sie wieder zu Hause war.
Damit hatte er Lillian abgelenkt und sie strahlte über das ganze Gesicht. Sie liebte Hunde, hatte sich schon lange einen kleinen Welpen gewünscht.
Dan blieb den ganzen Nachmittag im Krankenhaus. Um Lillian noch einmal zum Lachen zu bringen, bevor er ging, wollte er ihre Füße kitzeln, so wie er es immer tat, wenn er sie abends zu Bett brachte.
Doch als er die Bettdecke zurückschlug, erschrak er.
Auf Lillians linkem Bein prangte eine halb offene Wunde in der Größe eines Tennisballs.
„Lillian ... was ist das?“, fragte Dan, als er den ersten Schrecken überwunden hatte.
Doch die Frage beantwortete sich von selbst, denn als er sich die blutige Stelle an Lillians Unterschenkel genauer ansah, erkannte er die tiefen, entzündeten Einschnitte als Bissspuren eines Hundes. Draußen zuckten die ersten Blitze eines heraufziehenden Wärmegewitters.
„Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt, Lillian? Warum hast du mir nicht gesagt, dass der Hund dich gebissen hat?“ Dan musste sich zusammenreißen, um nicht zu schreien. „Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.“, gab Lillian zu. „Außerdem hat es gar nicht so weh getan. Wird er jetzt eingeschläfert, Daddy?“
Dan sah die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. „Nein, Liebes. Ich brauche ihn für meine Arbeit.“ Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er die Verletzung erneut ansah. Die Haut war um die Bisswunde herum dunkelrot unterlaufen und als er genauer hinsah, erkannte Dan, dass sich die Stellen, an denen sich die Zähne des Hundes in das Fleisch gegraben hatten, dunkel bis schwarz färbten.
„Daddy“ Erst jetzt bemerkte Dan, dass Lillian müde in ihr Kissen gesunken und schon fast eingeschlafen war. „Daddy, wenn du bald ein berühmter Wissenschaftler bist und viele Preise für deine Arbeit bekommst, dann musst du immer an mich denken. Dann ist es so, als wäre ich dabei, wenn du eine Rede halten und die vielen Hände schütteln musst. Dann fällt es dir bestimmt auch nicht mehr so schwer, nicht wahr, Daddy?“ Blitze zuckten, Regen fiel.
Dan schluckte schwer. Er hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte.
In diesem Moment betrat eine Krankenschwester das Zimmer, um Lillian ihre Schmerzmittel zu bringen und ihm mitzuteilen, dass die Besuchszeit vorüber war.
Dan verabschiedete sich von seiner Tochter und suchte den zuständigen Arzt auf, um ihm von dem Vorfall in seinem Labor und seiner Vermutung zu berichten, sodass Lillian in den folgenden Tagen auf Malaria behandelt wurde.
Tatsächlich ging es ihr bald wieder so gut, dass sie sogar aufstehen und herumlaufen konnte.
Was Dan allerdings zu denken gab, war die Tatsache, dass das Fieber – das einzige Symptom, das ein Hinweis auf Malaria hätte sein können – nach der Einlieferung in die Klinik viel zu schnell abgeklungen war. Und auch sonst ähnelte Lillians Krankheitsbild in keinster Weise dem der gefürchteten Tropenfieberkrankheit.
Als Dan den Hund, der seine Tochter gebissen hatte, wenig später leblos in seinem Käfig fand, wurde er unruhig.
Den anderen Tieren ging es verhältnismäßig gut. Außer einer zu hohen Körpertemperatur zeigten sie keine Anzeichen dafür, dass sie an einer tödlichen Krankheit litten. Auch das Tier, das Lillian aufgrund seiner Fellfarbe Blacky getauft hatte, war zuvor noch putzmunter gewesen.
Dan erinnerte sich daran, dass der Hund einige Wochen zuvor über längere Zeit müde gewirkt und ständig träge in einer Ecke gelegen hatte. Da diese Phase jedoch relativ schnell vorüber gegangen war, hatte er ihr keine weitere Beachtung geschenkt. Als ihm nun die Parallelen zwischen dem merkwürdigen Verhalten des Hundes und dem Krankheitsverlauf seiner Tochter bewusst wurden, war Dan sich mehr und mehr sicher, dass es sich hierbei auf keinen Fall um Malaria handeln konnte.
Laine dagegen verstand seine Überlegungen nicht.
„Was meinst du damit, es ist nicht Malaria? Seit sie auf Malaria behandelt wird, geht es ihr doch besser, oder etwa nicht?“, protestierte sie.
Dan verstand, dass sie den Strohhalm, an den sie sich so verzweifelt klammerte, seit es ihrem Kind besser ging, nicht loslassen wollte. Jetzt, da sich Lillian endlich zu erholen schien, wollte sich Laine die Hoffnung, dass Lillian wieder völlig gesund werden würde, nicht durch seine abenteuerlichen Theorien nehmen lassen.
„Wenn meine Vermutungen stimmen, wäre es ihr auch ohne Medikamente besser gegangen. Bei Blacky ist es genauso gewesen.“
„Aber was ist mit dem Fieber?“, warf Laine ein. „Hast du nicht selbst gesagt, dass es ein Hinweis auf Malaria ist?“
„Ich sagte, es hätte mir ein Hinweis sein sollen, aber es ist viel zu schnell wieder gesunken. Ich nehme an, dass es von der Entzündung der Wunde herrührte.“
„Aber bei welcher Krankheit geht es einem zuerst besser, bevor man stirbt?“ Laines Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern, Angst und Verzweiflung hatten ihr die Kehle zugeschnürt.
Dan sah die Tränen, die in ihren Augen brannten. „Ich weiß es nicht. – Noch nicht. Aber ich werde es herausfinden.“, murmelte er. Dass ihm dazu vielleicht nicht viel Zeit blieb, falls seine Theorie stimmte, verschwieg er ihr jedoch lieber.
Da es ihm keine Ruhe ließ, brachte Dan bald Tag und Nacht in seinem Labor zu, nahm Blut- und Gewebeproben des Hundes und testete sie auf alle ihm bekannten Krankheiten. Erst, als er unter dem dichten, schwarzen Fell des Tieres eine alte, schlecht verheilte Wunde fand, begann Dan zu verstehen.
Die Proben, die er genommen hatte, waren allesamt völlig normal gewesen. Als er jedoch das Gewebe nahe der Verletzung untersuchte, fielen ihm seltsame Veränderungen auf, unter dem Mikroskop wirkte es fast wie zerfressen. Als er weiter forschte, bemerkte Dan auch an anderen Stellen des Hundekörpers merkwürdige Veränderungen und entdeckte, dass sich die Haut um die Wunde herum pechschwarz verfärbt hatte.
Die Zellen waren abgestorben, ohne das sich neue, gesunde Hautzellen nachgebildet hatten.
Zu allem Überfluss hatte Laine ihm vor Kurzem am Telefon berichtet, dass sich die dunklen Stellen auf Lillians Bein auszubreiten schienen.
Doch ein bisschen abgestorbene Haut konnte unmöglich die Ursache für den plötzlichen Tod des Tieres gewesen sein.
Dan untersuchte die Organe des Hundes und stellte auch hier große Mengen toter Zellen fest, die vom Körper nicht oder nur teilweise nachgebildet worden waren. Wahrscheinlich war der von Malaria bereits geschwächte Körper mit der Reproduktion der Zellen nicht mehr nachgekommen, sodass die inneren Organe langsam verfallen waren, wie ein sanierungsbedürftiges Haus.
Lillian mochte aufgrund der Tatsache, dass der Hund das Tropenfieber anscheinend nicht auf sie übertragen hatte, etwas mehr Zeit haben als Blacky, doch Dan hatte keine Ahnung, wie viel ihr noch blieb. Niemand konnte sagen, wie es in ihrem Inneren aussah oder wie lange es dauern würde, bis auch ihr kleiner Körper aufgab und ihre Organe die Arbeit einstellten. Doch eines war sicher:
Dan musste sich beeilen.
Als er im Körper des Hundes auch nach weiteren Untersuchungen keine Ursache für das Zellsterben fand, nahm er sich noch einmal die zuvor genommene Blutprobe vor.
Und wurde tatsächlich fündig.
Bisher hatte er nur nach Anomalien der roten und weißen Blutkörperchen gesucht, jedoch keine feststellen können. Nun, da er nicht genau wusste, wonach er suchte, fielen ihm die winzigen Fremdkörper auf, die ihm gänzlich unbekannt waren. Nirgends tauchten diese kleinen Übeltäter auf, weder in Dans umfangreicher Literatursammlung, noch im Archiv des Forschungsinstituts, wo alle erforschten Tropenkrankheiten ausführlich festgeschrieben waren.
Im Laufe seiner Forschungen fand Dan schließlich heraus, dass es sich um eine Art Virus handelte, der andere Zellen so manipulieren konnte, dass sie unbrauchbar wurden.
Was die Suche nach einem Heilmittel jedoch erheblich erschwerte, war die Tatsache, dass der Virus seine Gestalt schneller ändern konnte als jedes Chamäleon und sich zudem rasend schnell vermehrte. Bevor Dan die Viren mit einem geeigneten Mittel abgetötet hatte, war die nächste Generation bereits in doppelt so großer Zahl vorhanden und schien zudem plötzlich immun gegen den zuvor erfolgreich getesteten Wirkstoff.
Dan probierte, untersuchte und rechnete beinahe ununterbrochen. Nur ab und zu ließ er sich eine Minute Zeit, um für Lillian zu beten, sie anzuflehen, durchzuhalten, ihm noch etwas mehr Zeit zu geben, weiter zu kämpfen.
Es grenzte an ein Wunder, dass es Dan nach mehreren verworfenen Ideen und unzählige chemische Gleichungen später schließlich doch gelang, einen Weg zu finden, das Virus auch über Generationen hinweg zu bekämpfen und schließlich völlig abzutöten.
Im ersten Moment hatte er so etwas wie Stolz und Erleichterung gespürt, doch beides wurde schnell von einem anderen Gefühl verdrängt.
Als er jetzt mit dem Aufzug nach oben fuhr und in die laue Sommernacht hinaustrat, wusste er, dass es zu spät war. Er hatte keine Ahnung, wie lange er in seinem Labor zugebracht hatte. Es war ihm wie ein einziger, endlos langer Tag vorgekommen, der niemals hatte enden wollen.
Dan fühlte sich wie betäubt, gelähmt von der plötzlichen Erkenntnis, während er spürte, wie der Regen langsam seine Kleidung durchnässte. Er dachte daran, dass Lillian den Regen gehasst hatte. Immer, wenn die ersten Tropfen gegen die Fenster schlugen, hatte sie die Jalousien herunter gelassen. Sie wolle nicht sehen, wie die Engel weinen, hatte sie einmal gemeint, als Dan sie nach dem Grund gefragt hatte.
Das hatte sie von ihrer Großmutter, erinnerte er sich. Sie hatte Lillian einmal erzählt, dass die Engel im Himmel weinten, weil irgendwo auf der Welt ein Unglück geschehen war.
Wie in Trance fuhr er zum Krankenhaus, wo ihm Laine tränenüberströmt in die Arme fiel.
Lillians Herz hatte vor einer Stunde aufgehört zu schlagen, hatte aufgegeben.
Dabei hatte Dan ihr in Gedanken versprochen, bald bei ihr zu sein. Er war zu spät gekommen, war zu langsam gewesen.
Eine Stunde zu viel, zu wenig. Eine lächerliche Stunde – das Todesurteil für Lillians kleines Herz.
Dan dachte an Lillians Worte, als der Kindersarg in die Erde gelassen wurde. Sie hatte gewusst, dass sie sterben würde, hatte gewusst, dass er zu spät kommen würde und hatte ihn trotzdem nicht angefleht zu bleiben, sondern ihn seinen Hoffnungen überlassen, damit er für seine Arbeit ausgezeichnet wurde. Er sollte an sie denken, hatte Lillian gesagt, damit sie dabei sein konnte, damit es ihm nicht so schwer fiel. Sie hatte gewusst, wie sehr er Reden und große Menschenmassen hasste.
Laine hatte ihm erzählt, dass sie friedlich eingeschlafen war. Bevor sie die Augen geschlossen hatte, hatte Lillian in Gedanken mit ihrem Vater gesprochen.
„Weine nicht, Daddy. Du darfst nicht traurig sein.“, hallten die Worte in Dans Kopf wider, als die Trauergäste begannen, Blumen in das kleine Grab zu werfen, als sich Laine unter Tränen in seine Arme warf, als sich das Grab allmählich mit Erde füllte und die Trauernden den Friedhof langsam durch das schwere Eisentor verließen. Als der Regen langsam nachließ und die Wolken sich verzogen.
Laine und Dan standen noch lange da, am Grab ihrer Tochter. Laine, leise schluchzend, den Kopf an Dans Brust geborgen, Dan still, die Arme um seine Frau gelegt, ohne eine Träne, nur mit den letzten Regentropfen auf dem Gesicht, den Tränen der Engel.
Denn Lillian hatte ihm verboten, traurig zu sein.

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