Freitag, 29. August 2008

Schattenwelt

Im Dunkeln hatten alle Häuser etwas Bedrohliches, noch schlimmer als am Tag.
Angriffslustig sprang eines aus der leicht schwankenden Reihe hervor, mit weit aufgerissenem Maul und vor langer Zeit klirrend zerborstenen Fensterscheiben. Zügig, oder so schnell es eben ging, wechselte sie die Straßenseite und erntete dafür einen spöttischen Blick aus Glassplitteraugen und ein hämisch-fieses Grinsen.
Die Straße zog sich wie Kaugummi in Schlangenlinien über sanfte Hügel, bevor sie irgendwo in der Dunkelheit verschwamm.
Irgendwann einmal war die Straße gerade gewesen und hatten sich die Gebäude nicht von der Stelle gerührt. Doch das war zu lange her, in einem anderen Leben. Ein Leben, welches weder echten Kummer noch richtigen Schmerz gekannt hatte und das von heute auf morgen nicht mehr zu finden gewesen war.
Damals war sie morgens aus dem Haus gegangen und am späten Nachmittag zurückgekehrt, war bereits an der Haustür freudig empfangen worden und am Abend in ihr mit Plüschtieren überfülltes Prinzessinnenbett gefallen. Heute ging sie am Nachmittag, manchmal auch erst am Abend hinaus und kehrte am Morgen zurück, wenn alles noch schlief, nur um in ihr schäbiges Zimmer zu treten und festzustellen, dass wieder irgendetwas fehlte, das ihr lieb und teuer gewesen war. Der Einzige, der sie heute an der Wohnungstür empfing, war der beißende Geruch von kaltem Zigarettenqualm, gepaart mit dem Mief von billigem Fusel und schal gewordenem Bier, der aus dem Wohnzimmer drang.
Es war nicht schwer zu erraten, wo er sich gerade aufhielt. Wenn er nicht schnarchend und mit einer Flasche in der Hand vor dem laufenden Fernseher in seinem von fast ununterbrochener Benutzung abgegriffenen Ledersessel fläzte, hatte er sich zu seinem wöchentlichen Spaziergang zur Tankstelle zwei Straßen weiter aufgemacht. Im näher gelegenen Discountmarkt hatte er seit einem Jahr Hausverbot, nachdem er eine Kassiererin angepöbelt und bedroht hatte, als diese ihm - volltrunken - keinen Alkohol verkaufen wollte. Vierundzwanzig Stunden hatte sie ihn schmoren lassen, bevor sie ihn aus der Ausnüchterungszelle holte. Seine siebzehnjährige Tochter hatte kommen müssen, um ihn nach Hause zu holen und hatte dem besorgten Polizeibeamten mehrmals energisch versichern müssen, dass sie in Zukunft besser auf ihn aufpassen würde.
Wie sie ihn in diesem Moment verabscheut hatte! Er hatte sich nicht mehr im Griff, ließ sich gehen. Und als sie irgendwann nicht mehr weitergewusst hatte, bestand der einzige Ausweg darin, es ihm gleichzutun, denn der Apfel fiel nicht weit vom Stamm. Schnell hatte sie gemerkt, dass Alkohol sehr wohl das ein oder andere Problem aus der Welt spülte, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit. Wen störte es da schon, wenn mit jedem Schluck auch ein Stückchen Würde und Selbstkontrolle in den reißenden Fluten ertrank und anschließend im Gully verschwand?
Wie viele der von den Eltern so mühsam anerzogenen Werte wohl schon dort unten gelandet waren? Sich an einer windschiefen Straßenlaterne festklammernd, spähte sie tief hinein in das kleine, vergitterte Loch im Asphalt, konnte jedoch nichts erkennen außer wabernden Schatten und ein paar schwarzen Händen, die durch die Stäbe hindurch an ihrer Würde kratzen und zerrten. Sie ließ sie fallen, zusammen mit den Werten, worüber sich die gierigen Klauen besonders freuten, und wandte sich ab von den lüstern grapschenden. Ihre Finger hatten den Laternenmast irgendwann losgelassen und so ertrank sie in einem Meer aus milchig trüben Farben und gab sich seinen sanften Wogen kampflos hin. Verschwommenes Blau flog über sie hinweg, bevor es von undeutlichem Rot eingefangen und zur Ordnung gerufen wurde, während ein kleines, dickes Gelb vor ihren Augen explodierte, als es sah, wie das von ihm angebetete Lila eine Liaison mit dem Orange von nebenan einging.
Eine Windböe blies alles durcheinander, sodass die Farben aneinander festhalten mussten, um nicht fortgeweht zu werden. Die leichte Brise entwickelte sich zum Orkan, ein Wirbelsturm, der durch die Straßen fegte und alles mit sich riss, das nicht niet- und nagelfest war. Das Farbenmeer brauste und sie sah zu, wie das vormals so übermütige Blau vor Übelkeit grün anlief. Das Gelb wurde blass vor Neid und attackierte sein Gegenüber, dem die anderen jedoch sofort zu Hilfe eilten. In dem bunten Durcheinander verlor sie den Überblick. Die Farben wirbelten kreuz und quer. Regenbogenwellen brachen krachend über ihr zusammen und sie bemühte sich nicht sonderlich, gegen den Sog anzukämpfen, der sie in eine düstere Tiefe riss. Sie spürte, wie die Luft aus ihren Lungen entwich. Sie atmete tief ein, fühlte, wie das Wasser an die Stelle des Sauerstoffs trat.
Sie bekam keine Luft mehr. Alles verschwamm wie ein Nebelbild und wurde Traum.
Die Farben vermischten sich zu matschigem grau, waren nur noch wabernde Schatten, die umherwirbelten, gierig nach ihr grapschten. Sie nahmen Gestalt an, formten etwas. Bilder. Undeutlich und schemenhaft. Erinnerungen an ein anderes, lange vergangenes Leben, eine andere Zeit. Sie brauchte eine Weile, um etwas darauf zu erkennen, musste sich konzentrieren, um die Bilder mit den Augen festzuhalten. Doch sie erkannte sie, wusste wer die Person war, die ihr aus den matschigen Farbresten entgegenlächelte. Sie sah, wie die Frau mit ausgestreckten Armen aus dem Haus trat und ihr freudig entgegenlief. Sah, wie sie ihr zum Abschied lachend nachwinkte, als sie hinausging. Sah, wie sie auf dem Beifahrersitz des zertrümmerten Kleinwagens saß, wie ihr das Blut die Stirn hinab rann, wie sie in den Krankenwagen gehoben wurde und in dem sterilen, weißen Raum lag, wie sie langsam die Augen schloss, ein Lächeln auf den Lippen.
Die Bilder entwischten ihr immer wieder, lachten sie aus und die schwarzen Gebäude mit den Glassplitteraugen stimmten in das Gelächter ein. Die Bilder wirbelten um sie herum, immer im Kreis und zunehmend schneller, sodass sie die Augen schließen musste, um die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.
Sofort merkte sie, wie sie fiel. Fiel ins bodenlose, immer weiter. Ein Geräusch drang an ihr Ohr, nur leise, aber unaufhörlich. Ein hoher Ton, der immer wiederkehrte.
Sie glaubte die Augen zu öffnen und wurde geblendet von sterilem weiß und Neonlicht, sodass sie die Augen wieder schloss. Sie spürte Hektik um sich herum und hörte gleichzeitig den Ton, der immer langsamer und leiser wurde. Nahm Stimmen wahr, die in der Ferne verschwanden. Eine kämpfte sich bis an ihr Ohr und schien sich daran festklammern zu wollen. Rief sie, forderte sie zum Bleiben auf. Doch die Stimme war zu schwach, konnte sich nicht halten, flog davon. Wurde bald von der wabernden Schwärze verschluckt.
Der Ton kehrte nur noch schleppend wieder und wurde zunehmend schwächer.
Mündete schließlich in ein lang gezogenes, endloses Heulen, das mit dem Abschalten des EKG erstarb.

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