Montag, 23. Juni 2008

Das Rudel der Nordwinde II - Rabenschwarze Nacht


Der eisige Nordwind pfiff beinahe lautlos über die verschneiten Berge, trieb den frisch gefallenen Schnee wie eine Herde Schafe vor sich her. Selbst in dem kleinen Tal, in dem das Rudel ruhte, strich er Arctic Wind noch kühl durch das Fell.
Die blaue Wölfin sah zum Himmel auf, der sich in kränklichem grau über dem Tal und der Bergkette aufspannte. Es war mitten am Tag und die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt - knapp über dem Horizont. Heller würde es an diesem Tag nicht mehr werden.
Arctic erhob sich und streckte ihre langen Beine, die vom Ruhen im kalten Schnee steif geworden waren. Sie hatte sich nicht wie die anderen am Fuß der Berge unter einem der unzähligen Felsvorsprünge, sondern mitten im Tal unter freiem Himmel niedergelassen, um die Bergkette und damit den Zugang zum Tal im Blick zu haben.
„Was hast du, mein Kind? Dir steht die Sorge im Gesicht." Vanilla Cloud war neben ihre Leitwölfin getreten und folgte deren Blick, welcher starr auf die Berge gerichtet war.
„Sie sind noch immer nicht zurück, Cloud." Arctics Stimme klang ruhig, doch die alte Wölfin spürte die leise Beunruhigung darin. „Seit heute Morgen sind sie schon fort."
„Vielleicht haben sie noch keine Beute gemacht. Bei dem Wetter traut sich wohl kein Kaninchen aus seinem Bau."
Arctic Wind schätzte die Versuche der alten Wölfin, ihr die Angst zu nehmen, doch wusste sie genau, dass auch Cloud diese innere Unruhe verspürte.
Stormy Night und der Rest der Jäger waren am Morgen aufgebrochen, wie sie es jeden Tag taten. Niemand hatte zu dieser Zeit geahnt, dass das Wetter derart umschlagen würde. Zwar war es auch bei Tagesanbruch trüb gewesen, aber nichts hatte auf Neuschnee oder starken Wind hingewiesen. Doch bereits kurz nachdem sie losgezogen waren, war ein Unwetter heraufgezogen, wie es seinesgleichen suchte. - Blizzards waren über die Ebene gefegt und hatten alle Spuren verwischt, die man von den Wölfen hätte finden können. Auch hatten die Schneestürme jede Suche nach den Vermissten verhindert.
Seitdem hatte Arctic nichts mehr von ihnen gehört, keine Fährte hatte der Wind über die Berge zu ihr ins Tal geweht. Bereits seit Stunden verspürte sie eine seltsame Rastlosigkeit tief in ihrem Herzen, irgendetwas drängte sie hinaus aus dem Schutz des Tals, um die anderen zu finden und zum Rudel zurückzuführen.
„Du fühlst es ebenso wie ich, Cloud. Du weißt, dass sie sich gemeldet hätten, hätten sie nur irgendwo vor den Stürmen Zuflucht gesucht." Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie erneut die Berggipfel, in der verzweifelten Hoffnung, dass die Wölfe im nächsten Augenblick am Horizont auftauchen würden.
„Aber wäre ihnen etwas zugestoßen, hätten sie um Hilfe gerufen."
Arctic wendete den Blick nicht vom Horizont. „Möglicherweise blieb ihnen dazu keine Zeit."
Je mehr das spärliche Tageslicht schwand, desto unruhiger wurde Arctic Wind. Das undefinierbare, dunkle Gefühl, das ihr bereits seit einiger Zeit im Nacken saß, begann nun unerträglich zu werden. Immer wieder lief sie das Tal auf und ab, blieb stehen und lauschte angestrengt in den Wind hinaus, der jedoch nur neue Schneefälle ankündigte.
„Sollten wir sie nicht suchen gehen, bevor es vollends dunkel wird und der Schneefall wieder einsetzt?" Arctic wandte sich um und blickte in die gelb leuchtenden Augen von Blue Moon, welche sie durchdringend anschauten. Der Rüde hatte bereits ihrem Vater gedient und besaß genügend Erfahrung, um zu wissen, wann eine solche Frage angebracht war. Sein Blick ließ nicht von ihr ab, erwartete eine Antwort.
Arctic hatte es bisher vermieden, das Tal zu verlassen und im Neuschnee nach einem Hinweis auf die Vermissten zu suchen. Das ungute Gefühl hatte sich nicht nur in ihrem Nacken festgebissen, sondern sich auch in ihrem Kopf eingenistet und ließ ihr nun kalte Schauer über den Rücken laufen, wenn sie darüber nachdachte, was sie dort draußen eventuell erwartete. Jetzt kroch es ihr auch noch in die Kehle und Arctic musste mühsam schlucken, um den Kloß zu bezwingen, der sich in ihrem Hals breitgemacht hatte.
„Vermutlich hast du Recht, Blue. Stell einen Suchtrupp zusammen." Alles Weitere überließ sie ihm. Er wusste, was er zu tun hatte. Unter ihrem Vater hatte Blue Moon den Rang des Betawolfes innegehabt, diesen jedoch an den jüngeren Stormy Night abgetreten, als dieser alt genug dazu gewesen war. Er war sowohl Stormy als auch ihr selbst ein zweiter Vater gewesen und war es noch immer.
Als er sich zum Gehen wandte, sah sie ihn mit Dankbarkeit in den sonst so kühlen Augen an. „Du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr?"
Der alte Rüde wandte den Kopf, sodass sie sein leises Lächeln sehen konnte. „Nicht mehr als du selbst." Er hatte in ihren Augen schon immer lesen können wie in einem offenen Buch, obwohl sie mit der Zeit alle Gefühle sorgsam weggeschlossen hatte. „Ich habe viele Welpen groß werden sehen, aber eines glaube mir: Dieser kleine Raufbold und du, ihr ward etwas Besonderes, von Anfang an." Er lachte, als er daran dachte, wie die beiden angespannt seinen Geschichten gelauscht hatten und danach selig in sein Fell gekuschelt eingeschlafen waren. In jenem Jahr hatten es nur zwei Welpen geschafft, den widrigen Bedingungen zu trotzen und zu überleben - und er hatte ihnen dabei zur Seite stehen dürfen. „Meine eigenen Welpen haben nach und nach das Rudel verlassen. Um wen soll ich mir sonst Sorgen machen, wenn nicht um euch?"
Schweigend sah Arctic Wind ihm nach, als er in Richtung der Höhlen davon lief, in die sich das Rudel vor den herannahenden Schneestürmen zurückgezogen hatte.
Blue Moon genoss im Rudel noch immer ungebrochenen Respekt. Schnell hatte er einige kräftige Rüden zusammengetrommelt, die bei der Suche nach den verschollenen Jägern helfen sollten. Dennoch war es bereits dunkel geworden, als die kleine Gruppe am Zugang des Tals bereit zum Aufbruch war.
Arctic sah zurück auf die ihr folgenden Wölfe. Sie wusste, dass sie ihr bedingungslos zur Seite stehen würden, egal was sie dort draußen erwartete. Zuletzt fiel ihr Blick auf Blue Moon, der sich ihnen ebenfalls angeschlossen hatte.
„Blue?"
Er knurrte nur, um ihr seine Aufmerksamkeit anzuzeigen. Das Laufen durch den hohen, weichen Schnee strengte seine alten Knochen beträchtlich an und auch seine Lunge verwehrte ihm zuweilen den einwandfreien Dienst, sodass er nicht erst in Arctics mitleidvolle Augen sehen musste, um zu wissen, was sie sagen wollte.
„Blue, ich möchte, dass du hier bei den anderen bleibst. Ich habe noch immer keine Nachricht von Stormy erhalten und wenn ich nun das Tal verlasse, ist das Rudel praktisch führerlos. Bleib bei ihnen und nimm die Führung an dich, bis wir wieder da sind."
Blue Moon schnaubte, doch sie spürte, dass der alte Wolf den Strapazen nicht lange trotzen würde. Außerdem brauchte sie jemanden, dem sie bedingungslos vertrauen konnte. Zwar hatte sie Vanilla Cloud bereits gebeten, einen Blick auf die Fähen mit ihren Neugeborenen zu werfen und wusste, dass diese wie eine Löwin kämpfen würde, sollte es nötig werden, doch Cloud war keine Leitwölfin. Sie genoss aufgrund ihrer Weisheit uneingeschränktes Ansehen unter den anderen Wölfen, doch ohne einen starken und erfahrenen Leitwolf war das Rudel im Ernstfall verloren.
Auch Blue Moon verstand und machte sich wortlos auf den Rückweg zu den anderen. Er war nicht ernsthaft beleidigt, weil sie ihm den Ausflug über die Ebene nicht zutraute - viel mehr sehnte er sich nach seiner Jugend zurück, als er solchen Jungspunden noch mühelos etwas vorgemacht hätte. Doch diese Zeiten waren lange vorbei und die Gebrechen des Alters hatten ihn eingeholt.
Bei den anderen angekommen, fand er Vanilla Cloud abseits des Rudels vor. Offensichtlich nahm sie die ihr anvertraute Aufgabe sehr ernst.
„Gib es auf, deine Augen sind längst nicht mehr die besten. Die Welpen gehen dir durch die Lappen, bevor du überhaupt reagieren kannst", spottete er. „Das solltest du einer der jüngeren Wölfinnen überlassen." Mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen legte er sich neben sie in den Schnee und folgte ihrem Blick auf das Rudel und die neugeborenen Welpen, die gierig bei ihren Müttern tranken.
Vanilla Cloud kannte den alten Rüden gut genug, um zu wissen, dass er nur scherzte. „Deine Augen sind doch auch nicht besser, Blue. Sei froh, dass unsere Kleine so vernünftig ist, sonst wärst du alter Esel dort draußen im Schneesturm elendig eingegangen." Sie musterte ihn von oben bis unten. „Du hast wirklich geglaubt, du könntest mit dem Tempo dieser Jungwölfe mithalten." Für einen Moment konnte sie sich das Lachen nicht mehr verbeißen, doch als er nur müde lächelte, wurde sie still.
„Wer weiß, was ihnen dort draußen begegnet, Cloud. Der einzige Feind, den sie kennen, ist das Wetter. Sie sind erst geboren, als unser Rudel längst sesshaft geworden war, sie haben es nie in ihrem Leben mit ihnen feindlich gesinnten Wölfen zu tun gehabt. Ich weiß nicht, ob es gut ist, sie allein losziehen zu lassen."
„Du glaubst, sie könnten auf andere Wölfe stoßen?" Vanilla Cloud spürte die ehrliche Sorge in seiner Stimme.
„Riechst du es denn nicht, jedes Mal wenn der Wind von Süden her weht?" Blue Moon hob den Kopf und blickte ernst zu den Wolken hinauf, die nichts Gutes verhießen.
Auch Vanilla Cloud hielt die Nase in den Wind, wie um seine Worte zu prüfen. Doch der Wind wehte aus Norden über die Berge, wie immer um diese Zeit.
Die alte Wölfin wusste, wovon Blue Moon sprach. Die jungen Wölfinnen, die mit ihren Welpen Tag für Tag ausgelassen im Schutze des Tals spielten, mochten es nicht bemerken, doch sie selbst wusste, woran sie feindliches Blut erkannte, ebenso wie Blue. Sie waren beide zum Rudel gestoßen, als dieses noch über die weite Ebene gestreift war, ohne ein festes Revier zu besitzen, viele Jahre zuvor. Kaum ein Tag war in jener Zeit vergangen, ohne dass das Rudel in blutige Machtkämpfe oder Revierstreitigkeiten verwickelt war. Damals hatte jeder von ihnen einen fremden Wolf schon aus weiter Entfernung wahrnehmen können.
Doch seitdem hatte sich so vieles gewandelt.
Die Lebensbedingungen waren rauer geworden, die Beute rar und die Wege für die Jäger lang. Es hatte nie viele Rudel auf der Ebene gegeben und die wenigen, die es gab, waren mit der Zeit gen Süden weitergezogen. Sie hatten ihre angestammten Reviere verlassen müssen, um zu überleben. Garun, ihr damaliger Alphawolf, hatte sich geweigert, es ihnen gleichzutun. Auf Gedeih und Verderb hatte er sein Rudel den widrigen Bedingungen auf der Ebene ausgeliefert. Viele waren damals qualvoll zugrunde gegangen. Den Rest hatte es stark gemacht.
Doch das geschützte Leben im Tal, die mühelose Eroberung des neuen Reviers, das Fehlen von Rivalen hatten sie alle Strapazen und natürlichen Qualen vergessen lassen. Der einzige Kampf, den die jungen Wölfe jeden Tag wieder austrugen, war der Kampf gegen den Hunger, den man mit dem eisernen Willen zum Überleben ausfocht, jedoch kaum mit den eigenen Zähnen oder Klauen, sofern man nicht zu den Jägern des Rudels gehörte.
Gemeinsam hoben die beiden alten Wölfe die Köpfe in den Wind und schickten ein Stoßgebet zum Mond, er möge seine Kinder schützen.
Mitten auf der tief verschneiten Ebene hielt Arctic Wind inne und hob den Kopf. Angestrengt lauschte sie dem Wind, der eine leise Melodie zu ihr herübertrug. Dann blickte sie wieder auf den Schnee zu ihren Füßen, der blutrot glänzte und lautlos Unheil schrie. Im fahlen Schein des Mondes lag einige Meter entfernt ein toter Körper im eisigen Weiß.
Einer der sie begleitenden Rüden hatte den Wolf entdeckt und Alarm geschlagen, doch sie hatte ihn streng zurückgewiesen, als er den Leichnam hatte näher untersuchen wollen. Bereits von Weitem hatte sie den Tod gerochen, der mit jedem Schritt näher rückte und sie hegte keinen Zweifel daran, dass es einer ihrer Wölfe war. Ein Mitglied ihres Rudels. Ein Teil ihrer Familie.
Arctic hatte versagt, wenn es darum ging, das Rudel zu schützen. In den letzten Tagen hatte sie oft das Fehlen eines einzelnen Wolfes bemerkt und war den Fährten gefolgt, die sie immer wieder an einen solchen Ort des Todes geführt hatten, jedes Mal weit abseits des Tals. Orte, die keiner ihrer Wölfe je allein aufgesucht hätte, das wusste sie.
Sie erkannte sie sofort, als sie näher trat. Eine junge Wölfin, die gerade erst zwei gesunde Welpen zur Welt gebracht hatte. Arctic hatte die beiden am Morgen in einer der Höhlen aufgefunden, eiskalt und steif. Bereits in diesem Moment hatte Arctic Wind gespürt, dass die Wölfin nicht ins Tal zurückkehren würde.
Äußerlich ruhig sah sie auf den leblosen Körper nieder, doch in ihrem Kopf rasten Fragen.
Weshalb hatte die Wölfin das Tal verlassen? Wie hatte sie sich so weit vom Rudel entfernen können, ohne dass jemand ihr Fehlen bemerkte?
„Und wer hat dich so zugerichtet?" Arctics Magen drohte zu rebellieren beim Anblick des dunkel gefärbten Schnees. Aus einer klaffenden Wunde in ihrer Flanke floss noch immer ein schwacher Strom, zu Eis erstarrt, und unzählige Wunden ergossen sich über den gesamten Körper bis hin zum Kopf. Es waren zweifellos Zähne und Klauen gewesen, die ihr diese beigebracht hatten. - Wolfszähne.
Wer auch immer diese Wölfin getötet hatte, sie war nicht sein erstes Opfer gewesen. Und würde gewiss auch nicht das letzte sein.
Langsam hob Arctic Wind den Blick und ließ ihn in die Ferne schweifen, dorthin, wo sie den Horizont zu wissen glaubte. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt und die ruhig fallenden Flocken begannen, den toten Körper weiß zu färben, unter sich zu begraben. Schnee und ewiges Eis waren der jungen Wölfin zum kalten Grab geworden, das niemals wieder ein Wolf aufsuchen würde, um ihrer zu gedenken oder um sie zu weinen. Man würde sie kaum vermissen. Schweigend würde der Verlust zur Kenntnis genommen und danach so schnell wie möglich vergessen, da jeder Gedanke daran eine Last bedeutete, die man ein Leben lang mit sich herumtrug, die einem immer im Nacken saß und die Nächte zur unerträglichen Qual werden ließ. Das Rudel hatte in all der Zeit des Lebens im Eis und unter der Regentschaft ihres Vaters gelernt, schwere Verluste zu akzeptieren und ohne Kommentar abzutun, denn das Leben war auch ohnedies schon hart genug.
Äußerlich ruhig ließ die Alphawölfin ihr Lied über der Ebene erklingen. Doch es war ein Lied, das aufstieg in die klare Nachtluft und vom Wind getragen wurde, weit über die Ebene hinaus und auch bis in das kleine Tal, in dem sich das Rudel mittlerweile zur Ruhe begeben hatte. Ein Lied, das jeden, der es hörte, aufhorchen ließ.
Das Geheul der Alphawölfin klang traurig in dieser Nacht, trauriger noch als in den Nächten zuvor. Zu viele zu junge Wölfe hatten bereits ihr Leben gelassen in dieser weißen Einöde aus Leid und Qual. Zu viele waren einfach vom Schnee bedeckt und vergessen worden. Ihnen allen gedachte sie mit ihrem Lied, dessen Ende sie nun in die Hände des Windes gab, doch versprechen, dass sie nicht noch mehr verlorene Seelen in ihrer Mitte aufnehmen mussten, konnte und wollte sie ihnen nicht.
Leise seufzend wandte sie sich von dem Leichnam ab und verließ wortlos den Kreis der Rüden, die sich in einigem Abstand um sie herum niedergelassen hatten. Sie hatten ihrem Lied gelauscht und schweigend gewartet. Nun erhoben auch sie sich und folgten ihrer Alphawölfin durch den frischen Schnee, ließen die tote Wölfin hinter sich zurück, allein.
Plötzlich blieb Arctic Wind stehen. Der Schneefall wurde zunehmend stärker und der eisige Nordwind trieb ihr die Flocken wie Speere in die Augen, sodass sie kaum etwas anderes sehen konnte als weiß. Dafür trug er den Laut umso deutlicher an ihr Ohr.
„Was hast du? Was ist los?" Die Rüden waren aufgrund ihres Verhaltens unruhig geworden und traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Einer von ihnen war an sie herangetreten und hatte seinen Blick unsicher auf den Horizont gerichtet, wo er das zu finden glaubte, das Arctic zum Warten veranlasst hatte.
Mit einem zischenden Laut brachte sie ihn zum Schweigen. „Hört ihr es denn nicht? Der Wind bringt uns Nachricht." Wieder richtete sie den Kopf gegen den Wind. „Sie sind am Leben. Noch."
Die Rüden sahen sie entsetzt an, doch Arctic lief bereits in die Richtung, die der Nordwind ihr riet. Sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Es war das Heulen Stormy Nights gewesen, das der Wind getragen hatte und seine Stimme klang schwach. Beängstigend schwach.
In der Ferne machte sie ein dunkles Bündel im Schnee aus. Sie erkannte bereits von Weitem, dass es sich um einen Wolf handelte. Einen toten Wolf.
Bitte nicht. Nicht schon wieder. Nicht noch einer, schoss es ihr durch den Kopf.
Wieder ließ sie die Rüden in einiger Entfernung zurück, bevor sie an den leblosen Körper herantrat.
Er war noch nicht einmal völlig kalt. Der Tod konnte erst wenige Minuten her sein.
Arctic sah den Leichnam genauer an. Auch er wies unzählige kleine Wunden auf, wenn auch nicht so viele wie die junge Wölfin zuvor. Er schien sich heftig gewehrt zu haben, denn an Pfoten und Maul klebte Blut. Fremdes Blut. Tödlich gewesen war nur die noch immer stark blutende Wunde am Hals - ein gezielter Biss in die Kehle.
Arctic Wind suchte verzweifelt nach einem Hinweis auf die Identität des Wolfes, doch das Blut und die Wunden entstellten sein Gesicht. Auch war das Fell pechschwarz und der Geruch des Tieres schien ihr völlig fremd.
Dieser Wolf stammte nicht aus ihrem Rudel, doch an ihm klebte verwandtes Blut.
Arctic Wind geriet in Panik. Kalte Schauer jagten ihren Rücken herunter und das altbekannte dunkle Gefühl regte sich in ihrem Magen.
Äußerlich ruhig musterte sie die jungen Rüden, die mittlerweile an sie herangetreten waren und sie wissend ansahen.
Sie zweifelte für einen Moment an ihrem Vorhaben. Sollte sie das Leben dieser Rüden wirklich aufs Spiel setzen? Denn das würde sie zweifellos tun, sollte sie sich zum Weitergehen entscheiden. Doch die Last auf ihren Schultern, die Pflicht des Alphas, war schwer genug, jeden Zweifel niederzuringen und so sah sie jedem ihrer Begleiter eindrücklich in die Augen, in denen sie ohne Ausnahme treue Entschlossenheit las. Eine Treue, die ihr wie kleine Nadeln ins Herz stach.
„Ich werde niemanden verachten, der jetzt geht und zum Rudel zurückkehrt."
Doch die Rüden rührten sich nicht. Keiner schien ihr hilfloses Angebot auch nur in Erwägung zu ziehen, obschon sie genau wussten, was sie erwarten würde.
Arctic Wind nickte langsam und richtete ihren Blick wieder auf den Schnee. Die dunkle Blutspur wies ihnen einen Weg, dessen Ende mit Sicherheit nichts Gutes verhieß.
Sie konnten es bereits von Weitem hören, obgleich der Schneefall zu stark war, um etwas zu erkennen. Der Wind wehte bedrohliches Knurren und Bellen und hin und wieder ein gequältes Aufheulen zu ihnen herüber. Kampfgeschrei. Eine der unzähligen Stimmen des Todes, der hier draußen überall lauerte.
Arctic Wind fiel ein Stein vom Herzen, als sie Stormys Stimme vernahm, welche strenge Befehle und Warnungen brüllte. Er war am Leben. Und er war nicht allein.
Doch die innere Freude erstarb in dem Moment, in dem sie den Gipfel der sanften Anhöhe erreichten, die bisher die Sicht auf die Vermissten versperrt hatte. Vor ihnen lag ein Schlachtfeld. Der Schnee war blutrot gefärbt und überall machte sie leblose oder halb tote Körper aus, erkannte jedoch nicht, ob es sich um Mitglieder ihres Rudels handelte.
Zwischen Blut und Tod blitzten immer wieder Zähne und Klauen in der Dunkelheit auf und sie erkannte ihre Wölfe, die sich verzweifelt gegen die Angriffe zur Wehr setzten. Ihnen gegenüber stand eine düstere Meute. Die pechschwarzen Wölfe waren in der Überzahl und die Angriffe ihres Rudels schienen völlig wirkungslos an ihnen abzuprallen.
Ihr blieb keine Zeit. Blindlings stürzte die Wölfin los, sprang in die Dunkelheit hinein und biss sich im Nacken des nächstbesten Angreifers fest. Dieser heulte jämmerlich auf vor Schmerz und Überraschung. Das Signal zum Angriff für die Rüden. Arctic Wind wusste, sie würden sich nun für sie und das Rudel ins Kampfgetümmel werfen, um den anderen zur Seite zu stehen.
Allerdings schien sie ihr Opfer unterschätzt zu haben. Der schwarze Wolf bäumte sich auf und warf sie beinahe mühelos ab, bevor er wieder mit seinem Rudel verschmolz. Arctic landete unsanft in einiger Entfernung im Schnee, rappelte sich mühsam auf und startete einen neuen Versuch. Wieder warf sie sich einem der Fremden in den Nacken, wieder wurde sie abgeschüttelt, landete wieder im kalten Weiß. Doch sie gab nicht auf, probierte es immer wieder. Bis ihr ganzer Körper so sehr schmerzte, dass sie kaum mehr aufstehen konnte.
Müde blieb sie im liegen, hob mühevoll den Kopf und beobachtete die dunkel wabernde Masse. Sie sah nur noch verschwommen, nahm ihre Umgebung wie durch einen Nebelvorhang wahr. Irgendwo musste sie sich den Kopf angeschlagen haben.
Angestrengt fixierte sie das Kampfgeschehen.
Es war zwecklos. Die schwarzen Wölfe verschmolzen miteinander und mit der Nacht. Man nahm sie einzig als eine große, düstere Masse wahr, die sich in der Dunkelheit nur schwer genau ausmachen ließ. Sie konnte keinen gezielten Angriff starten, da sie kein genaues Ziel hatte. Die ganze Meute schien ständig in Bewegung zu sein und sie erkannte keinen einzelnen Wolf, dem sie an die Kehle hätte springen können, um ihm ernsthafte Verletzungen zuzufügen. Wunden, von denen mehr übrig blieb als ein kleiner Kratzer unter dem Fell.
Der Schleier vor ihren Augen färbte sich rot. Blut.
Sie sah nichts mehr, konnte sich nur noch auf ihre Ohren verlassen. Doch es machte kaum einen Unterschied, ob sie hinschaute oder nicht. Also schloss sie die Augen und hörte auf das Knurren und Bellen, hörte einzelne Stimmen heraus, vernahm Stormys unermüdliche Rufe. Celestial Winds, eine junge Wölfin, stand ihm unermüdlich zur Seite, was Arctic überraschte. Celestial war ein eher ruhiges, unauffälliges Mitglied ihres Rudels, das man selten wirklich wahrnahm. Ihr Körper war ebenso flink und wendig wie der ihrer Alphawölfin, doch im Gegensatz zu Arctic legte sie eine geradezu bienenhafte Ausdauer an den Tag.
Doch neben Stormys Kommandos vernahm Arctic noch eine weitere Stimme, die pausenlos Befehle brüllte. Eine tiefes, Angst einflößendes Knurren und Bellen, dem man sich kaum zu widersetzen wagte.
Arctic horchte auf. Die Befehle wurden so detailliert ausgesprochen und so präzise befolgt, dass es ihr eine Gänsehaut bereitete. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie den Kampf und blinzelte angestrengt, bis sie wieder einigermaßen klar sah. Sie konzentrierte sich auf das schwarze Rudel und erkannte hier und da aufgerissene Mäuler, gebleckte Zähne und zum Schlag erhobene Klauen. Die Wölfe waren Marionetten. Willenlose Puppen, ferngesteuert von dieser grausamen Stimme, die sie auf Gedeih und Verderb vorwärts trieb.
Mit letzter Kraft rappelte sich Arctic Wind noch einmal auf. Sie hatte ihr Ziel gefunden.
Noch immer mehr ihren Ohren als ihren Augen trauend rannte sie los. Blindlings warf sie sich in das Getümmel, in die Richtung, aus der sie die Stimme vernahm. Im Nacken des von ihr erwählten Opfers krallte sie sich fest, verbiss sich mit aller ihr verbliebener Kraft in das weiche Fleisch.
Sie hörte den Wolf elendig jaulen. Die Stimme war verstummt.
Der Wolf bäumte sich auf, wand sich und versuchte sie mit aller Macht abzuwerfen. Doch Arctic Wind blieb eisern, obgleich jeder einzelne Körperteil bereits schmerzte. Der Wille, ihre Wölfe nach Hause zu führen, verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Sie biss, kratzte und riss an seinem Nackenfell und der Fremde kämpfte immer wilder gegen den Parasiten auf seinem Rücken an.
Arctic wusste, dass ihre Kraft nicht ausreichte. Lange würde sie sich nicht mehr halten können. Mit weiteren Bissen trieb sie ihn aus der Menge heraus, in der er keine Chance hatte, sie abzuwerfen. Erst als sie sich weit genug von den anderen entfernt sah, gab sie nach und fühlte ihren Körper gegen eisige Felsen krachen.
Plötzlich sah sie sich einem wahren Ungeheuer gegenüber. Der Wolf, der zuvor ihr Opfer gewesen war, stand nun in voller Größe vor ihr und Arctic erschauderte für einen Moment. Der schwarze Schatten, der sie aus vor Wut glühend gelben Augen anstarrte, war riesig.
Der Hüne spürte ihre Angst, obgleich im Gesicht der blauen Wölfin nichts als Entschlossenheit zu lesen war. Entschlossenheit und etwas anderes, ihm Unbekanntes. Ein dunkles Flackern, das er keiner Gefühlsregung zuordnen konnte.
Arctic erhob sich aus dem Schnee, um ihm gegenüberzutreten. Mit gekonnten Bewegungen versuchte sie die Schwäche ihrer Beine und das leichte Schwanken, das von ihren Verletzungen herrührte, zu verbergen, doch er hatte sie bereits durchschaut.
„Gib auf. Du kannst ja kaum noch auf deinen Pfoten stehen", lachte er. „Du hast keine Chance. Geh zurück. Dorthin, wo du hergekommen bist."
Ein leises Knurren stieg in Arctics Kehle auf. Sie war keineswegs gewillt aufzugeben, jetzt, da sie wusste, wer das fremde Rudel führte.
Als sich der Mond langsam hinter den schützenden Wolken hervorschob und sein milchig-trübes Licht über die Ebene ergoss, erkannte sie ihr Gegenüber. Seine Tarnung war hinfällig, denn in dem fahlen Schein, der nun den Schauplatz erhellte, sah man das schwarze Pack nur umso besser.
Die Fremden waren nicht mehr in der Überzahl, im Gegenteil. In der Dunkelheit hatte die Meute geradezu riesig gewirkt, doch jetzt, da man jeden einzelnen Wolf erkannte, schien ihre Gruppe plötzlich deutlich dezimiert. Auch hatten Arctics Wölfe durch die zu Hilfe Geeilten wieder Hoffnung und Kraft geschöpft und konnten nun zielgerichtet zurückschlagen.
Aus dem Augenwinkel heraus konnte sie sehen, wie Stormy Night einem der Schwarzen an die Kehle sprang. Wie das Blut aus der frischen Wunde spritzte und sich über den Schnee ergoss. Wie der Wolf seinem Angreifer noch einen mächtigen Prankenhieb versetzte, ehe er noch in der Bewegung zu Boden sank und mitten zwischen den Fronten liegen blieb.
Die schwarzen Wölfe waren ohne ihren Alpharüden nicht einmal halb so stark. Sie waren nicht mehr unverwundbar, stellten kein großes Ganzes mehr dar, keine Einheit, wenn der Riese sie nicht zusammenhielt. In dem Moment, als seine Stimme verstummt war, schien der mächtige schwarze Schatten in sich zusammengefallen zu sein. Jeder kämpfte nur noch für sich und keiner schien so recht zu wissen, was er tat, sodass ihre Wölfe den Fremden nun zumindest ebenbürtig waren.
Arctic Wind schnaubte. „Ihr seid in unser Revier eingedrungen und habt meine Wölfe getötet. Habt gewartet, bis euch ein einzelner Wolf über den Weg lief. Heute war euch das nicht mehr genug, ihr wolltet sie alle. Und du erwartest, dass wir uns kampflos zurückziehen?" Wieder konnte der Rüde das düstere Funkeln in den Augen der jungen Wölfin sehen. Es war kein Hass. Keine Wut. Es war viel mehr als das.
Sie wollte Rache. Rache für jeden einzelnen ihrer Wölfe, den sein Rudel auf dem Gewissen hatte. Rache für jede einzelne Wunde, jeden Tropfen ihres Blutes. Bittere Rache.
Sie würde kämpfen bis zum Letzen und wenn das ihren Tod bedeutete. Den gleichen Ausdruck hatte er im Gesicht des jungen Rüden gesehen, dem er zu Beginn gegenübergestanden hatte. Auch in seinen rauchgrauen Augen hatte diese Entschlossenheit gestanden, das eigene Leben für das Rudel zu geben. Diese Entschlossenheit, die er nicht verstand. Er hatte ihnen angeboten, sich seinem Rudel anzuschließen, diese blutige Auseinandersetzung zu umgehen. Doch der Rüde hatte das Angebot mit einem kehligen Grollen und einem Klauenhieb in sein Gesicht beantwortet.
Er war genauso wie sie. Sie alle waren es. Diese junge, schlanke Fähe, die kaum Lebenserfahrung ausstrahlte, war zweifellos die Alphawölfin des Rudels. Und die ihr unterstellten Rüden und Fähen schienen ein tiefes Vertrauen zu ihr zu haben. Die ganze Zeit über hatten sie nicht aufgegeben, der Rüde hatte sie immer wieder zum Durchhalten aufgefordert. Er hatte gewusst, dass sie kommen würde, dass sie ihre Jäger nicht im Stich ließ.
Als er hinter sich das klägliche Jaulen eines schwer verletzten Wolfes vernahm, wusste er, dass sie dem Kampf ebenso wenig aus dem Weg gehen würde wie ihr Rudel. In diesem letzten Gefecht würde es kein Unentschieden geben, so fiel stand fest.
Er sah den Angriff kommen. Blitzschnell warf sie sich ihm an den Hals, doch er warf sie ab, noch ehe sie sich festbeißen konnte. Schleuderte die Wölfin von sich wie eine leblose Puppe.
Sie brauchte einen Augenblick, um wieder auf die Beine zu kommen und sich zu sammeln. Genau in diesem Moment schlug er zu. Laut brüllend kam er von hinten auf sie zugestürzt, die Zähne in mörderischer Absicht gefletscht.
In seinen glühenden Augen las sie kalte Mordlust und Entschlossenheit. Ihr schlanker, wendiger Körper brachte ihr in diesem Fall kaum einen Vorteil, denn in puncto Kraft und Masse hatte sie ihm nichts entgegenzusetzen.
Das Pfeifen der herabschnellenden Bestie in den Ohren, wirbelte sie blitzschnell herum. Sie hatte kaum Zeit, sich dafür zu verfluchen, dass sie die Konzentration verloren, ihr oberstes Ziel für einen Moment vergessen hatte, als sie unter dem Ansturm der riesigen Masse von Niedertracht und Muskeln gegen den nächsten Felsen krachte. Irgendetwas ging zu Bruch und sie war sich für einen Moment nicht sicher, ob es ihr Schädel oder nur das Eis gewesen war.
Sie sah in seinen Augen das vom Blutgeruch verstärkte bösartige Glitzern. Sie blickte auf die noch immer gefletschten Zähne über ihr, erfasste die ihr bleibende Zeit und rollte sich, Sekunden bevor er ein nächstes Mal zuschlug, unter ihm hervor. Sie sprang eilig auf die Pfoten und rammte dem Widerling mit voller Kraft die Zähne in die Flanke.
Der Riese stöhnte, schwankte, streckte seine Pranken nach ihrer Kehle aus, doch Arctic schlug ihm die Klauen derart kraftvoll ins Gesicht, das eine Woge heißen Schmerzes durch ihre Schulter zuckte.
Wie in weiter Ferne vernahm sie das Heulen und Jaulen der noch immer kämpfenden Wölfe. Doch das Blut rauschte ihr zu stark in den Ohren, als dass sie hätte erkennen können, zu welchem Rudel sie gehörten.
Wieder wirbelte Arctic Wind herum, nutzte den Schwung der Drehung als Ersatz für die ihr fehlende Kraft und traf ihren Gegner mit einem gezielten Biss ins linke Vorderbein.
Eine Fontäne dunklen Blutes ergoss sich in den Schnee und warf das fahle Mondlicht kühl zurück, bildete eine bizarre Kulisse für diese ungleiche Schlacht.
Der Blick des Rüden wurde noch wilder, doch er zuckte unter Arctics Biss nicht einmal zusammen. Die Schmerzen waren nicht stark genug, um durch den Schleier des Blutrausches bis in sein Gehirn vorzudringen. Während ihm das Blut in Strömen über das Bein lief, schlug er irr grinsend mit dem Schwanz.
„Du kannst nicht gewinnen." Er umkreiste sie langsam und freute sich bereits auf sein Mahl, während ihm der Speichel aus dem Maul tropfte. Er grinste, vom Rausch benebelt, während ihm das Blut weiter das Bein herunterrann. „Ich werde dich töten, räudige Hündin!"
Das Wissen, dass es ihm tatsächlich ernst war, verlieh ihr Kräfte. Hier ging es um Leben oder Sterben. Ein feucht-kalter Schauer rann ihr wie zähflüssiges Öl über den Körper und Arctic Wind begann zu keuchen.
Dem nächsten Angriff wich sie aus, ging geschmeidig in die Knie und richtete sich mit einem hinterhältigen Lächeln wieder auf. „Friss stattdessen das hier, Dämon!" Sie dachte gar nicht erst darüber nach, ihn nur kurz mit einem gezielten Biss ins Genick zu lähmen. Selbst den größten Schmerz empfände dieser von Mordlust und Blutgeruch betäubte Riese bestenfalls als Kitzeln. Nein, was sie jetzt zum Einsatz brachte, war ihr gesamtes Können als Raubtier und Alphawölfin.
Er machte einen Satz in ihre Richtung, nicht mit ihrer Bewegung rechnend, und Arctic biss zu.
Die Augen waren das Erste, das an dem Monster erstarb. Sie erlebte diesen Moment nicht zum ersten Mal. Sie kannte das Bild, wenn die Augen eines Wolfes, noch während er sich bewegte, gläsern wurden wie Eis.
Bereit, ein zweites Mal anzugreifen, trat Arctic einen Schritt zur Seite, doch die schlaffen Beine konnten den Koloss längst nicht mehr tragen und sein Körper begann, als sein Nervensystem gegen die Überlastung rebellierte, einen grotesk zuckenden Tanz.
Wie ein herabfallender Felsen schlug er vor Arctics Füßen in den Schnee, ein ruinierter wölfischer Koloss, der König hatte spielen wollen.
„Du wirst niemanden mehr töten, Hundesohn", murmelte sie leise, blickte, als die wilde Energie des Kampfes langsam verebbte, hinauf zum Mond. Mit dem Lied, welches sie zitternd zum Himmel hinauf sandte, dankte sie ihrem Retter, der die ungleiche Schlacht zum Guten gewendet hatte, als sie sich und ihr Rudel beinahe verloren geglaubt hatte.
Als sie verstummte, spürte sie die Blicke in ihrem Rücken. Sie wandte sich um, sah die geschundenen, verwundeten Wölfe. Zwischen ihren eigenen Rudelmitgliedern machte sie auch einige der Fremden aus, die den Kampf schlussendlich aufgegeben hatten, als die Stimme ihres Alphas verklungen war. Der Bann war gebrochen, sie waren frei. Doch auch sie blickten zu ihr hinüber und Arctic Wind meinte ein leises Flehen, eine stumme Bitte um Gnade in ihren Augen zu erkennen.
Langsam schlug sie die Augen nieder und als Stormy Night aus der Menge der anderen hervortrat, hielten ihre Blicke einander gegenseitig fest. Sie hatten es geschafft, die Schlacht war überstanden.
Noch einmal erhob sie den Kopf wider den Wind und ließ mit den anderen gemeinsam ihr Siegesgeheul über die weite Ebene erklingen. Auch die fremden Wölfe fielen zögernd in den Chor ein, sodass die Botschaft auch in dem kleinen Tal noch deutlich zu vernehmen war.
Arctic Wind hielt inne und blickte sich um. Die fremden, schwarzen Wölfe blickten ebenso zu ihr auf, wie die, die sie bereits ihr Leben lang kannte. Ihr Rudel. Ihre Wölfe.
Ein stilles Lächeln schlich sich in ihre Züge und mit sichtbar müden Augen sah sie die anderen an. „Lasst uns nach Hause gehen", murmelte sie, „Uns alle."
Ihre Rudelmitglieder liefen voraus, die neuen Kameraden führend. Arctic Wind blieb noch eine Weile reglos zurück, wohl wissend, dass Stormy hinter ihr stand und auf den richtigen Zeitpunkt wartete.
Als sich die anderen weit genug entfernt hatten, trat er an ihre Seite. „Ich habe gewusst, dass du kommst", meinte er. Seine raue Stimme machte sie auf seltsame Weise nachdenklich. Er war still. Zu still. „Ich wusste, wenn du herausfändest wo wir sind ... Danke."
Sie hob den Kopf und fixierte den Horizont. „Es ist meine Pflicht."
Er schmunzelte. Genau diese Antwort hatte er erwartet.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, glitt er neben sie, während sie vorsichtig und mit schmerzverzerrtem Gesicht eine Pfote vor die andere setzte. Sich gegenseitig stützend machten sie sich auf den langen Weg zurück ins Tal.

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