Dienstag, 22. Mai 2007

Das Rudel der Nordwinde I - Spuren im Schnee

Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten
"Wo kämen wir hin?"
und niemand ginge, um einmal zu schauen
wohin man käme, wenn man ginge?

Ein Heulen zerriss die Stille der Nacht. Tief und kehlig flog es über den Wald, über die Gipfel der verschneiten Berge hinweg, bis in das kleine Tal, in dem Arctic Wind über ihr schlafendes Rudel wachte.
Die Wölfin hob den Kopf, lauschte eine Weile angestrengt in die sternenklare Nacht hinaus. Doch das Heulen war verklungen und kehrte nicht noch einmal wieder.
Arctic Wind sah sich um, doch außer ihr schien sich niemand dafür zu interessieren.
„Du hast es gehört, nicht wahr?“
Zwei finstere Augen leuchteten in der Dunkelheit auf.
„Willst du den nächsten Streuner ins Rudel holen?“, knurrte Stormy Night, die Schnauze immer noch zwischen den Pfoten vergraben. Dem Rüden gefiel es nicht, wie Arctic Wind das Rudel führte. Sie war einfach nicht zum Alpha geboren, ihr fehlten die Konsequenz und die Kraft, die dazu nötig gewesen wären.
Doch außer ihm schien sich niemand daran zu stören. Das einstige Rudel war längst nicht mehr, was es einmal gewesen war.
Arctic Wind erhob sich und ließ ihren Blick über das schlafende Rudel wandern. Ihre schlanke Gestalt zeichnete sich elegant gegen das Rund des Mondes ab und ihr blaugraues Fell schimmerte seidig in seinem fahlen Licht. Sie bedachte den Rüden mit einem eindringlichen Blick.
„Bleib bei den anderen. Ich bin so schnell wie möglich zurück.“
„Dein Vater hätte niemals einen Fremden im Tal geduldet. Er hat sein Leben dafür gegeben, das Rudel sauber zu halten.“
„Schweig!“ Arctic hatte die Augen zu Schlitzen verengt und unterdrückte nur mühsam ein Knurren. „Schweig ... Ich bin nicht wie er.“
Stormy schnaubte. „Zweifelsohne.“
Ein drohendes Grollen drang aus Arctics Kehle. „Ich habe kein Interesse daran, so zu sein, wie er es war.“
Die Stimme der Alphawölfin war brüchig geworden, was der Rüde wiederum mit einem spöttischen Laut quittierte.
„Er war ein Rudelführer, ein Alphawolf. Er war all das, was ein guter Wolf sein muss. Du kannst nicht über ein Rudel herrschen, wenn du dich nicht durchsetzen kannst. Wenn du jeden Konflikt meidest und es jedem recht zu machen versuchst, wirst du es kaum weit bringen. Versuch meinetwegen weiterhin die Märtyrerin zu spielen. Wir werden sehen, wie lange du noch an der Spitze stehst.“
Für einen Moment kehrte die Stille in das kleine Tal zurück. Arctic Wind schwieg lange, bis ihre ernste Stimme die Dunkelheit durchbrach.
„Was macht dich so sicher, dass es falsch ist, ein Rudel mit Vertrauen und Wärme zu führen? Warum ist es richtig, Gewalt und Angst zu verbreiten und alle zu vernichten, die anders sind oder anders denken?“
Arctic Wind hatte dem Rüden den Rücken zugewandt und blickte in den Sternenhimmel hinauf. Ihr plötzlich ruhiger, beinahe vertraulicher Tonfall verwirrte Stormy Night. Er schwieg.
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Arctic noch ein letztes Mal um, fixierte den Rüden einen Moment mit seltsam ausdruckslosen Augen und lief dann in entgegengesetzter Richtung davon.

Wie lange hatte sie sich nach dieser Freiheit gesehnt. Wie lange schon hatte sie davon geträumt, völlig unabhängig zu sein, über die verschneiten Bergketten zu streifen, allein mit sich, dem Wind und dem Mond - den einzigen Freunden, die ein Wolf wirklich brauchte.
Stormys Worte hatten sie zweifeln lassen. An ihrer Führung, an sich selbst. Noch immer sah sie sein hämisches Grinsen vor sich, seine funkelnden Augen, die offene Drohung darin. Sie wusste: Wäre sie ein Rüde gewesen, hätte er sie längst zum Kampf um die Führung herausgefordert. Doch das wagte er nicht, denn welches Ansehen genoss schon ein Rüde, der im Kampf gegen eine Fähe siegte? Umso mehr verletzte es seinen Stolz, als Betawolf einer Fähe zu unterstehen.
Arctic Wind lief und lief, über ihr nur der endlos weite Himmel mit den funkelnden Sternen und den Nordlichtern, die hier draußen so viel klarer schienen als im Tal. Wie ein Schatten flog sie durch die eiskalte Nacht, fügte sich in die weiße Stille, die wortlos jeden ihrer Schritte schluckte.
Arctic Wind liebte diese Landschaft. Sie war hier geboren und brauchte das eisige Klima, die rauen Berge und besonders die Nordwinde, die nachts über die Hügel fegten, den Schnee aufwirbelten und erbarmungslos jede Wolke davonjagten.
In dieser unwirtlichen Gegend, in der es selbst am Tage nie wirklich hell wurde, hatte es immer nur wenige Wolfsrudel gegeben und im Laufe der Zeit waren die meisten von ihnen zugrunde gegangen oder in lebensfreundlichere Gebiete abgewandert. Nur die Angepasstesten konnten hier überleben. Hier, wo nur selten ein größeres Beutetier als ein Schneehase zu finden war.
Doch das Heulen war nicht die Stimme des Windes gewesen, die Arctic so gut kannte. Viel mehr ein Hilferuf, ein Flehen um das eigene Leben, darum, endlich einen Weg aus der Kälte zu finden. Das Wissen, dass die weiße Einöde bald zum stillen Grab werden würde.
Arctic hielt inne. Der Schnee unter ihren Pfoten war frisch und weich und gab unter ihren Schritten nach. Sie hatte die Bergkette, welche das Tal und ihr Rudel vor den schlimmsten Stürmen schützte, längst hinter sich gelassen und blickte nun über die weite Ebene hinweg, die sich dahinter erstreckte. Sie sah hinab in die kleine Senke, die vor ihr lag, durch die umliegenden Hügel nur spärlich gegen den Wind abgeschirmt, und betrachtete das traurige Bild, das sich ihr bot.
Im Neuschnee lag ein lebloser Körper. Als Arctic Wind näher herantrat, erkannte sie die Gestalt einer jungen Wölfin. Ihr dunkler Pelz war von Schnee bedeckt und ihre nur halb geschlossenen Augen starrten reglos ins Leere.
Sie war nicht von hier, das war deutlich zu erkennen. Ihr rötlich gefärbtes Fell passte nicht in die farblose Wüste aus Fels und Eis. Auch war es viel zu dünn, um den zierlichen Körper vor der Kälte zu schützen. Die Wölfin war nicht an schweren Verletzungen verendet, hatte wahrscheinlich nie in ihrem Leben Zähne oder Krallen gegen einen anderen erheben müssen. Doch sie hatte sich aus irgendeinem Grund von ihrem Rudel getrennt und sich zu weit nach Norden verirrt. Zu lange war sie allein hier umhergestreift, hatte nach dem Ausweg aus der eiskalten Hölle gesucht. Vergeblich.
Ihr Heulen war kein Hilferuf gewesen, sondern der Schrei der Verzweiflung. Die Erkenntnis, verloren zu sein. Verloren zu haben gegen einen übermächtigen Gegner, den sie nicht einmal sah; der unbemerkt kam und quälend langsam zuschlug. Ein Gegner, gegen den jeder Kampf sinnlos war, denn als sie ihn erkannte, hatte sie längst verloren.
Ein leises Wimmern drang an Arctics Ohr und riss sie aus ihren Gedanken. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie den flachen Atem der Wölfin, der ihren Brustkorb kaum merklich hob und senkte und in winzigen Wolken in die klare Nachtluft stieg. Sie hatte den Kampf anscheinend noch nicht aufgegeben.
„Ich habe auf dich gewartet.“ Die Stimme der Wölfin war schwach und kaum mehr zu hören.
„Auf mich?“ Arctic trat näher, um sie besser zu verstehen.
„Ich habe gespürt, dass du kommen würdest. Schon in dem Moment, als ich zu schwach wurde, um noch einmal zu heulen, wusste ich, dass jemand meinen Ruf gehört hatte.“
Arctic wusste, dass es zu spät war. Die Wölfin war bereits dem Erfrierungstod nahe, sie konnte ihr nicht mehr helfen.
„Ich weiß nicht, wer du bist und woher du kommst, doch wenn du einen so weiten Weg zurücklegst, um mich zu finden, musst du eine gute Seele sein.“ Ihre Stimme wurde brüchig und die Wölfin musste sich konzentrieren, um weiterreden zu können. „Du hast ein gutes Herz.“
Arctic schwieg, lauschte dem Wind, der ihr flüsterte, dass es mit der Fremden zu Ende ging.
„Ich bitte dich ...“ Die Stimme der Wölfin klang flehend. „Ich bitte dich: Lass mich hier liegen, für mich kannst du nichts mehr tun. Aber nimm meine Tochter mit dir.“ Erst jetzt nahm Arctic das winselnde Bündel wahr, das sich Schutz suchend an das Fell der Wölfin presste. „Sie ist erst wenige Tage alt. Bitte nimm sie mit in dein Rudel und ziehe sie groß wie dein eigen Fleisch und Blut.“
Arctic Wind berührte den Welpen vorsichtig mit der Nase. Das kleine Wesen schien noch unerwartet lebendig zu sein. Dennoch wollte sie widersprechen, denn auch das Neugeborene war an ein Leben im Eis nicht angepasst und würde nicht lange überleben. Doch die Wölfin schien ihre Gedanken zu lesen.
„Ich bitte dich nicht um mein Leben. Dazu ist es längst zu spät, das wusste ich bereits, als ich dich rief. Doch ich flehe dich an: nimm die Kleine mit dir. Gib ihr die Chance, etwas von dieser Welt zu sehen.“
Sie sah Arctic Wind eindringlich an und schob das kleine Bündel sanft von sich, sodass der Alphawölfin nichts anderes übrig blieb, als sich schützend darüber zu stellen. Zufrieden schloss die fremde Wölfin die Augen, als Arctic Wind den Welpen aufnahm und sich, noch immer wortlos, zum Gehen wandte.
„Ich hoffe, sie wird so gutherzig wie du ...“

„Bist du nun zufrieden?“
Arctic sah auf, als sie die halb genervte, halb belustigte Stimme vernahm. Stormy stand einige Pfotenlängen von ihr entfernt auf dem Hügel und schien sie die ganze Zeit über beobachtet zu haben.
Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, senkte sie den Blick und ging an ihm vorüber.
Der Rüde lief ihr nach. Etwas stimmte nicht. Sie war anders als sonst. Es war nicht der erste verlassene Welpe, den sie ins Rudel brachte, doch so schweigsam hatte er seine Leitwölfin noch nicht erlebt.
„Und, glaubst du, dass es richtig war? Fühlst du dich besser, wenn es bei uns stirbt, statt bei ihr?“, versuchte er es erneut. „Du bist nicht ihre Mutter, Arctic, und du wirst sie auch niemals ersetzen können.“
„Vielleicht.“ Die Wölfin blieb stehen. Sie setzte den Welpen zwischen ihren Pfoten ab und ließ ihren Blick über die verschneite Ebene schweifen. „Aber weißt du denn, dass es falsch war?“
Schmunzelnd folgte der Rüde ihrem Blick. Er hatte mit einer energischen Erwiderung gerechnet, vielleicht auch mit einem drohenden Knurren, das ihm seinen Rang klarmachen sollte. Doch im Grunde kannte er sie dafür zu gut.
Arctic Wind hob die Augen zum Mond, der sich darin spiegelte wie in den klaren Gletscherseen.
„Woher sollen wir wissen, wohin ein Weg uns führt, wenn wir ihn nicht gehen?“
Eine Weile blieb alles still. Schweigend setzten die beiden ihren Weg fort, begleitet nur vom Geräusch ihrer Pfoten im frischen Schnee.
Stormy dachte an die fremde Wölfin zurück. Als er stehen blieb, sah Arctic ihn fragend an, doch er lächelte nur.
„Sie hat Recht“, meinte er. „Du hast ein viel zu gutes Herz.“
„Mag sein“, gab Arctic Wind lächelnd zu. „Aber es ist das Herz eines Alphas.“
Und beide legten sie den Kopf in den Nacken und erhoben ihre Stimmen zum Mond, wo ihr Lied schließlich, doch nicht ungehört, im kalten Nordwind verklang.

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