Sonntag, 1. April 2007

Anfang vom Ende

Die untergehende Sonne im Nacken, feinen weißen Sand unter den baren Füßen. Das klare Wasser des Meeres, welches beinahe zärtlich die Beine umspielt.
Mückenschwärme, die im letzten Licht des Tages Tango tanzen und eine leichte Abendbrise im Gesicht.
Das kehlige Gebell des Hundes, der sich mit Freuden immer wieder in die Fluten stürzt, um sein zerzaustes Fell später am Kamin seines Herrn zu trocknen, und der Schrei der letzten Möwe in der Luft, bevor auch diese sich zur Ruhe begibt.
Ein Paradies auf Erden, welches jeder andere gern genossen hätte.
Trügerische Idylle, das wusste Brahim, denn die so friedlich scheinende See war ein verlogenes Biest, das mit falschen Versprechen lockte, um sein Opfer am Ende bei lebendigem Leibe zu verschlingen. Ein Teufel, den er doch nicht hassen konnte, wenngleich er ihm seiner Zeit alles genommen hatte, denn viel zu früh hatte er sein junges, unerfahrenes Herz erobert und seitdem den eisernen Griff nicht mehr aufgeben wollen.
Dort, wo im Moment nur sanfte Wogen leise plätschernd an den Strand rollten, konnten sich bereits im nächsten Moment meterhohe Wellen auftürmen, die, vom Wind gepeitscht, gnadenlos alles und jeden mit sich rissen.
Nein, für diesen Sonnenuntergang, für den Feuerball, der an einem Punkt versank, an dem Himmel und Meer untrennbar miteinander verwoben schienen, hatte Brahim keinen Blick.
Nicht heute.
Nicht an diesem Tag.
Genau ein Jahr war es jetzt her. Viele Stunden, Minuten, Sekunden seines Lebens hatte er vergessen, manche auch vergessen wollen, doch egal wie sehr er sich bemühte ihn zu verdrängen – dieser eine Tag verfolgte ihn wie der Schatten eines längst vergangenen Lebens.
„Es geht los.“ Ein harsches Flüstern war zu vernehmen. „Beeilt euch!“
Im schützenden Dunkel der Nacht stiegen achtundzwanzig Personen in das Boot, welches sich still im seichten Wasser wiegte.
Während er selbst auf den Einsieg wartete, beobachtete Brahim die düstere Gruppe. Alle waren sie Männer, Marokkaner, die wenigsten dreißig Jahre alt und nur zwei über fünfzig. Die dicken schwarzen Mäntel sollten sie vor Wind und Regen schützen und alle hatten ihr letztes mühsam erspartes Geld für diese Fahrt gegeben. Eine Fahrt, die, wie sie hofften, der Anfang eines neuen Lebens war, der Anfang vom Ende des alten.
Eine Reise in eine bessere Welt.
Brahim stammte aus einem Bauerndorf nahe Melilla und hatte sich so lange er denken konnte mit dem Kauf und Verkauf minderwertiger Waren und kleinerem Schmuggel von Kaffee und Tabak durchgeschlagen.
Man verdiente kaum genug zum Leben und da die Ernte auf den alten Feldern spärlich ausfiel, gab es von allem immer zu wenig. Jedes Jahr begrub man von Hunger und Krankheit ausgezehrte Leiber, ob Mensch, ob Vieh, in der trockenen roten Erde und die meisten Neugeborenen starben bereits nach wenigen Tagen. Viele der jungen Männer zogen daher fort in die Stadt, um Arbeit zu finden oder wagten die Reise über den Ozean, so wie Brahim.
Seine Mutter hatte ihm weinend in den Armen gelegen, als er gekommen war, um sich das Geld für die Überfahrt zu borgen. Sie hatte bis zum letzten Tag gebetet, ihr ältester Sohn möge bleiben, obwohl sie daran glaubte, dass ihn auf der anderen Seite des Meeres eine bessere Zukunft erwartete.
Niemand war gekommen, um die Väter, Söhne und Brüder zu verabschieden, die in jener Nacht diese Welt des Elends und des Hungers verließen, doch als das Boot vom Strand ins Meer geschoben wurde, wusste Brahim, dass Mutter, Frau und Schwestern in ihren Hütten wach lagen und heimlich eine um die andere Träne fortwischten, während sie an ihn dachten.
Dennoch gab es nun kein zurück mehr, der erste Schritt in ein besseres Leben war getan – und noch ahnte niemand, dass es für dreiundzwanzig von ihnen auch der letzte gewesen sein sollte.
Es war die ideale Nacht für die Überfahrt gewesen, erinnerte sich Brahim. Das Meer hatte ruhig gelegen, kein Wind sich geregt und alles war gut verlaufen.
Zu gut.
Mit der Zeit wurde es still im Boot, die meisten waren vor Erschöpfung in einen traumlosen Schlaf gesunken.
Als Brahim müde die Augen aufschlug, bemerkte er einen leichten Nieselregen auf der Haut und zog seinen Mantel fester um sich. Am Horizont konnte er bereits die blasse Silhouette der andalusischen Küste erkennen. Im Morgengrauen würden sie das Festland erreicht haben.
Brahim bemühte sich, in der Enge des Bootes wieder in eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden und vielleicht noch einmal einzuschlafen, als der erste Blitz am Himmel zuckte.
Aus ihrem unruhigen Schlaf gerissen, sahen die Männer hilflos zu, wie sich der vormals sternenklare Himmel zuzog und nur einen Moment später ein derber Sturm aufbrauste, der ihnen das eiskalte Wasser entgegenschlug.
Binnen Sekunden hatte sich das reglose Meer in ein tiefschwarzes, tosendes Ungetüm verwandelt, das ihnen nach dem Leben trachtete. Die Wellen schlugen über dem Boot zusammen wie die Zähne eines hungrigen Krokodils, verschlangen es beinahe, während die Männer verzweifelt versuchten, mit Flaschen, Hüten und hohlen Händen des eindringenden Wassers Herr zu werden.
Vergeblich.
Noch bevor sie wussten, wie ihnen geschah, neigte sich das Boot, von einer neuen Welle geschüttelt, bis tief unter die Wasseroberfläche und kippte schließlich vollends.
Brahim fand sich im Wasser wieder.
Für einen Augenblick war alles still. Die Welt schien plötzlich verstummt, das Toben des Meeres, die Schreie der anderen nahm er nur mehr von fern wahr. Suchend, orientierungslos sah er sich um, rang um Luft, versuchte sich so gut es ging über Wasser zu halten. Bis er im Augenwinkel das gekenterte Boot in den Fluten erblickte.
In diesem Moment war jeder Gedanke zu viel, jedes Zögern hätte seinen Tod bedeutet.
So stürzte er vorwärts, mit Händen und Füßen rudernd, wie die Hunde es tun - schwimmen konnte keiner von ihnen. Die Flut von Geräuschen, Lärm und Geschrei stürzte von Neuem auf ihn ein, drückte ihn unter Wasser, versuchte ihn in die Tiefe zu zwingen. Doch jedes Mal kämpfte er sich zurück an die Oberfläche, tauchte hustend und spuckend wieder auf, kämpfte weiter. Endlos.
Langsam wurden ihm die Beine schwer, die Arme schmerzten und der Weg schien mit jedem hastigen Atemzug länger zu werden. Der schwere Mantel klebte an ihm wie eine zweite Haut, die ihn zusätzlich nach unten zog, und Brahim musste sich winden wie eine Schlange, um das Kleidungsstück abzustreifen. Doch auch danach kam er nur mühsam voran, sah kaum noch wohin er sich bewegte, da ihm der Wind den noch immer anhaltenden Regen wie Nadeln in die Augen trieb.
Allein der Gedanke an das Leben, das vor ihm lag, und an die Familie, die ihm dieses neue wie auch das alte geschenkt hatte, ließ ihn nicht aufgeben.
Sich mit zusammengekniffenen Augen an seinem Ziel festklammernd, um die Orientierung nicht vollkommen zu verlieren, quälte er sich weiter, wollte sich weder dem Willen irgendwelcher Götter noch dem der Natur beugen. Seine Liebe zum Leben und der unerschütterliche Glaube an Glück und Gerechtigkeit hielten ihn über Wasser und ließen ihn schließlich den ersehnten Rettungsanker erreichen.
Mit allerletzter Kraft stemmte er sich auf die rettende Insel hinauf, wo er völlig erschöpft und die Kälte bis auf die Knochen spürend zusammenbrach.
Um ihn herum nichts als düsteres Schwarz, Himmel und Meer zu einem brodelnden Hexenkessel verschmolzen, in dem die Wellen noch immer miteinander rangen wie wilde Hunde um das letzte Stück Fleisch.
Brahim rührte sich nicht, wartete halb ohnmächtig ab, während der Sturm sich langsam legte und das rasende Ungeheuer in die Tiefe zurückkehrte. Hin und wieder ließ er einen trüben Blick über das Wasser wandern, entdeckte in weiter Ferne acht seiner Kameraden, die noch immer in den Fluten um ihr Leben rangen. Bald nur noch fünf, bald drei. Als der Mond fast untergegangen war, hatte auch der Letzte von ihnen den Kampf verloren.
Im Morgengrauen wachte Brahim im seichten Wasser auf. Zunächst glaubte er sich noch immer auf dem Boot, das bedrohlich schwankend dem Spiel der Wellen gehorchte. Doch als er den weichen, feuchten Sand unter seinem Körper spürte, überkam ihn ein plötzliches Glücksgefühl. Ein Gefühl, welches sofort von dem stechenden Schmerz in seiner Schulter abgelöst wurde, als er sich auf die Arme stützte, um sich aufzurichten.
Während er sich umsah, erkannte er die Küste Andalusiens, wie sie ihm so oft beschrieben worden war. Heller, fast weißer Sand, der sich zu Füßen hoher, felsiger Klippen erstreckte. Selbst die Palmen sahen grüner aus, als er sie aus seiner Heimat kannte und trugen bereits reife Früchte.
Das Sinnbild eines besseren Lebens.
Brahim war angekommen. Er war dem sicheren Tod entronnen und im Paradies gelandet, fühlte sich in diesem Moment wie der Eroberer eines unbekannten Landes. Seines Landes. Seines neuen Lebens in dieser Welt des Glücks.
In seinen Erinnerungen versunken, blickte Brahim über das Meer zum Horizont, als könne er dort das Land erkennen, das er damals verlassen hatte. Eine völlig andere Welt, wie ihm jetzt schien.
Ein ganzes Jahr lag hinter ihm. Ein Jahr ohne Leid, ohne Hunger.
Jeden Tag war er diesen Weg gegangen, dreihundertfünfundsechzigmal, immer wieder. Um trotz seines neuen Lebens im Überfluss nicht das Elend der Vergangenheit zu vergessen.
Wenn er mit seinem Hund als einziger Gesellschaft am Strand entlanglief, galten seine Gedanken der Familie, die noch immer Hunger litt und mit Krankheiten kämpfte, die in dieser Welt längst keine Bedrohung mehr sein mussten. Dem Freund, der ihn auf die Überfahrt begleitet hatte, ein Junge von gerade einmal achtzehn Jahren, der nur davon geträumt hatte, nach Europa zu reisen.
Er hatte ihn in den Fluten untergehen sehen.
Brahims Schulter schmerzte, wie immer nach einem langen Arbeitstag, erinnerte ihn daran, dass auch er das Abenteuer nur knapp überlebt hatte, rief ihm den Kampf mit den Behörden ins Gedächtnis, den er geführt hatte, um bleiben zu dürfen.
Doch Brahim wusste: Hätte man ihn zurückgeschickt, er würde es wieder versuchen. Er würde sich noch einmal den Gefahren stellen, sich erneut den Launen der Natur widersetzen, dem Tod ins Auge sehen.
Er hätte es jederzeit wieder getan – weil dieses Leben schlimmer ist, als ein Leben im Krieg. Weil Leid und Elend immer irgendwo auf der Welt zu Hause sind, wie ein Schatten, der das Bild des perfekten Sommertages stört. Weil der Mensch trotz aller Fortschritte eines noch immer nicht vermag.
Weil dem Hunger niemand Grenzen setzt.

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