Freitag, 26. Januar 2007

Die Spur der Wölfin

Langsam, wie in Trance stolperte Celia durch die staubigen, von Trümmern bedeckten Straßen. Es bestand kein Grund zur Hast, es gab nichts, für das sie sich hätte beeilen müssen. Es gab überhaupt nichts mehr. Keine Stadt, keine Schule. Kein Zuhause. Ob es noch irgendwo einen Menschen gab, der in diesem Moment an sie dachte, auf sie wartete, nach ihr suchte – sie wusste es nicht. Mittlerweile war es ihr auch egal. Celia hatte keine Ahnung, wie lange sie schon durch die Dunkelheit lief. Irgendwann hatte sie aufgehört die Tage und Nächte zu zählen, die Sonnenauf- und -untergänge zu erahnen. Gesehen hatte sie die Sonne schon lange nicht mehr, zu sehr verdunkelten Staub und Rauch noch immer den Himmel, schlossen sie ein in eine Welt, die so unwirklich schien und doch schmerzlich real war. Eine Welt, die den Krieg zwar überlebt hatte, aber schwer verwundet daraus hervorgegangen war.
Eine Welt aus Trümmern, Leid und Tod.
Überall sah man Menschen, die weinten, aus Trauer um das Verlorene, aus Wut auf die, die alles hätten verhindern können, verhindern müssen. Einige schrieen vor Schmerz, andere aus Angst. Wieder andere saßen einfach stumm klagend zwischen dem, was bis vor ein paar Tagen noch ihr Haus, ihr Heim gewesen war. Für die meisten waren es nicht nur die Trümmer einer Stadt, sondern auch die staubigen Reste ihres Lebens. Die, die nicht weinten, schrieen, klagten, die der Krieg und die Bomben zum Schweigen gebracht hatten, waren zweifellos besser dran.
Celia gehörte nicht zu ihnen. Zwar hatte der Krieg sie stumm und taub gemacht, doch der Tod war ihr nicht vergönnt gewesen. Nur dafür hasste sie die ganze Welt. Nicht für den Krieg, der so viele Opfer gefordert hatte und es noch immer tat, nicht für die Bombe, die man auf die Stadt geworfen und die ihr und so vielen anderen alles genommen hatte und noch immer nahm. Sie hasste, weil ihr außer den zerrissenen Kleidern am Leib und einem knorrigen Ast, welchen sie als Krücke benutzte, nicht mehr geblieben war als ihr Leben.
Ein Leben, welches keines mehr war und nie wieder eines werden würde.
Doch so schlimm die Tage auch waren, noch schlimmer war die Nacht. In der Nacht, wenn es dunkel wurde und doch nicht dunkel genug, um das Leid nicht zu sehen; wenn es kalt wurde und doch nicht kalt genug, um den Schmerz zu betäuben; wenn es still wurde und doch nicht still genug, um den Krieg zu vergessen, dann war Celia nicht mehr stumm und taub, dann kamen die Gedanken und Gefühle zurück, die sie tagsüber so sorgsam hinter Mauern aus Gleichgültigkeit und Ignoranz zu verbergen versuchte. Und mit den Gedanken kamen Fragen. Warum war es so weit gekommen? Wer war für Leid und Elend verantwortlich? Warum gab es Krieg?
Wie ging es ihrer Mutter? Ihrem kleinen Bruder? Gab es sie noch? Lagen sie vielleicht längst wie so viele andere unter Trümmern und Staub, weil sie nicht rechtzeitig aus dem großen Haus hatten fliehen können?
Fragen, die sich Celia nicht mehr stellen wollte. Nie wieder. Zu groß war der Schmerz, wenn die Antwort auf jede Frage ungewiss war. Zu groß war die Angst, dass ihre schlimmsten Befürchtungen sich bewahrheiten würden.
Immer wieder rekonstruierte sie den Tag, an dem die Bombe gefallen war, erinnerte sich daran, wie sie in dem hellen, freundlichen Klassenzimmer gesessen hatte, als die Sirene losbrüllte. Blitzschnell war Panik ausgebrochen. Wahrscheinlich waren die ersten, die Schwächsten, bereits auf dem Weg nach unten in den Schutzkeller zurückgeblieben. Wahrscheinlich waren einige nie im schützenden Dunkel angekommen. Dann, als die schweren Türen zufielen, ein dumpfer Schlag die Erde zittern ließ, sodass der Putz von der Decke und den alten Wänden fiel, hatte sie sich das erste Mal gefragt, ob ihre Mutter daheim Angst hatte, ob der Zweijährige schrie, weil er die Dunkelheit fürchtete.
Heute fragte sie sich nur, ob sie die beiden noch einmal wiedersehen würde, hoffte, dass sie irgendwo Zuflucht gefunden hatten und der Kleine friedlich schlief.
Sie selbst wollte nicht schlafen. Sie hätte es auch gar nicht gekonnt. Jedenfalls nicht lange. Denn nachts kamen nicht nur die Tiere aus dem nahen Wald hervor, um die Leidenden zu beweinen. Mit ihnen kamen auch die Träume in die zerstörte Stadt.
Anfangs waren die Nächte traumlos geblieben, was Celia nur recht gewesen war. Danach hatte sie des Öfteren von ihrer Familie und von früher geträumt. Auch der Tag, an dem die Bombe gefallen war, war in ihren Träumen vorgekommen. Doch seit ein paar Tagen träumte sie nur noch dasselbe:
Celia humpelte eine düstere, verschneite Straße entlang. Schwer stützte sie sich auf ihre Krücke und ihre nackten, zerschundenen Füße hinterließen tiefe Spuren im frisch gefallenen Schnee, der sich leise über Staub und Schutt gelegt hatte. Die Kleider hingen als zerfetzte Lumpen an ihrem Leib und boten nur kläglichen Schutz gegen die beißende Kälte und den immer stärker werdenden Sturm.
Celias Blick glitt suchend über das gleichmäßig trostlose Himmelszelt, fand keine Sterne, keinen Mond. Nur tiefschwarze Nacht über einer toten Stadt.
Bis eine Stimme in der Dunkelheit erklang.
Als Celia den Blick vom Himmel abwandte und dem Ruf folgte, erblickte sie eine dunkle Gestalt auf dem Trümmerhaufen, der einmal das große Rathaus am Ende der Straße gewesen war.
Langsam trat Celia näher und erkannte die Silhouette einer Wölfin, die ihr Klagelied zum Mond hinauf schickte, beseelt von der Hoffnung, dass er sie bald erhören und sie und Ihresgleichen in eine bessere Welt führen würde.
Ihr Gesang klang hell und klar durch die Nacht und es war, als erhellte die wunderschöne Melodie etwas in Celias Innerem, das schon viel zu lange in tiefer Dunkelheit gelegen hatte.
Celia wollte zurücktreten, um die Wölfin nicht zu stören, doch diese hatte sie bereits bemerkt und hielt in ihrem Lied inne. Ihre sanften, moosgrünen Augen ruhten auf dem Kind und schienen tief in dessen Seele zu blicken.
Doch sie sahen traurig und wehmütig auf es herab. Celia erkannte Schmerz und Trauer darin und wusste noch im selben Moment, dass die Wölfin erkannte, was sie dachte, was sie spürte und was sie dabei empfand – und dass sie einander verstanden.
In diesem Augenblick hatte sie eine verwandte Seele gefunden.
Langsam kam das Tier auf Celia zu, doch obgleich sie Wölfe nur aus Horrormärchen und blutigen Erzählungen der Erwachsenen kannte, hatte sie aus irgendeinem Grund keine Angst. Sie blieb einfach stehen und einem plötzlichen Impuls nachgebend streckte sie ihren nackten Arm aus, um das gepflegte, silbergraue Fell der Wölfin zu berühren.
Das wunderschöne Geschöpf umkreiste Celia ein paar Mal wie eine Katze, doch ließ es sie nicht für eine Sekunde aus den Augen. Wachsam beobachtete die Wölfin jede Bewegung, nahm jede Reaktion Celias wahr.
Als die Wölfin in Richtung des nahen Waldes davon schritt, schaute Celia ihr schweigend nach. Doch auf halbem Wege wandte das Tier noch einmal den Kopf und sah sich suchend um, bis sein stummer Blick erneut auf Celia fiel.
Diese wusste, sie sollte der Wölfin folgen, doch sie blieb stehen. Auch als die grünen Augen sie ein weiteres Mal aufforderten, kam sie der Bitte nicht nach, blieb, wo sie war und schaute der Wölfin hinterher, die mit wissendem Blick im Nebel verschwand.
Celia wusste nicht, was sie von diesem Traum halten sollte. Er war nicht schlimm, machte ihr keine Angst, doch wiederholte er sich jede Nacht. Celia erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter, die der festen Überzeugung gewesen war, dass Träume, die mehrmals wiederkehrten, dem Träumenden etwas mitteilen wollten. „Wenn ein Traum jede Nacht zu dir zurückkehrt, mein Kind, dann fange an mit allen Sinnen zu träumen. Wenn du aufmerksam bist, wirst du früher oder später verstehen, was dein Traum bedeutet.“
Celia hatte nie zuvor erlebt, dass ein Traum ein zweites Mal oder gar mehrmals wiederkehrte. Nie hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, ob Träume eine Bedeutung hatten oder ihr im Schlaf eine Botschaft sandten. Doch in den letzten Tagen und besonders nachts hatte sie so viel nachgedacht, so lange gegrübelt, den Traum immer wieder genauestens durchdacht, gedreht und gewendet, dass sie mittlerweile überzeugt war, dass die Wölfin ihr eine Nachricht überbringen wollte. Nur welche? Warum sollte sie ihr folgen? Und warum tat sie es nicht?
Des Laufens müde geworden setzte sich Celia am Rande der Straße unter eine alte, knorrige Eiche, deren Äste tief unter dem Gewicht des Schnees herabhingen. Schweigend beobachtete das Mädchen die kleinen Flocken, die im Wind spielten, sich immer wieder in die Luft empor heben ließen, um schließlich in fröhlichem Reigen zur Erde zu tanzen. Kaum zu glauben, dachte es, dass diese winzigen Kristalle eine so schwere Last sein können. Eine genauso große Last, wie das Leben für sie darstellte, nun, da sie die Unbeschwertheit verloren hatte, die nur den Kindern zueigen war.
Celia lehnte sich gegen den dicken Stamm des Baumes, war dankbar für seine Stärke und den Halt, den er ihr in diesem Moment spendete.
Erst jetzt, als sie endlich zur Ruhe kam, spürte sie, wie erschöpft sie war, wie sehr ihre Beine schmerzten. Sie befand sich bereits am äußersten Rande der Stadt und dabei hatte sie kaum gemerkt, dass sie so weit gelaufen war. Und noch während sie den immer schneller fallenden Schneeflocken auf ihrem Weg zur Erde zusah, glitt sie selbst wie vom Wind getragen durch sanften Nebel hinüber in eine andere Welt.
Die Welt der Wölfin. Celia wusste es, noch bevor sie ihr Lied vernahm. Die Wölfin kam auf Celia zu, ging ein Stück in Richtung des Waldes und wandte schließlich abwartend das Haupt. Zum ersten Mal sah das Mädchen direkt in die smaragdfarbenen Augen – und verstand.
Es folgte der Wölfin bis tief in den Wald hinein, dessen Bäume sich schwer unter der weißen Last bogen. Celia glaubte, sie beinahe ächzen zu hören. Und dennoch fand sie den Anblick der glitzernden Decke wunderschön, obgleich sie ihre Füße aufgrund der Kälte kaum mehr spürte.
Trotz der Dunkelheit setzte sie ihre Schritte sicher zwischen Steinen und Wurzeln, selbst als die Wölfin plötzlich im dichten Nebel verschwunden war - die Spuren ihrer Pfoten waren im frisch gefallenen Schnee deutlich zu erkennen. Auch war in dieser Nacht der Vollmond zwischen dunklen Wolken zu sehen, der Celias Weg in seinen hellen Silberschein tauchte.
Als die Wölfin wieder vor ihr erschien und sie mit ihrem erhabenen Blick fixierte, blieb das Mädchen stehen und sah sich vorsichtig um. Der beißende Sturm hatte sich gelegt, war zu einer sanften Brise geschwunden. Celia stand, bis zu den Knöcheln in Weiß und wallenden Nebelschleiern versunken, mitten auf einer kleinen Lichtung, der Mond im Zenit und die Wölfin, deren Fell sein kühler Glanz einen silbernen Schimmer verlieh, wirkte in dieser mystischen Atmosphäre noch anmutiger.
Sie trat zurück, gab den Blick frei auf gleißendes Licht. Celia war sich nicht sicher, ob dies wirklich noch der Schimmer des Mondes war oder ob es nicht, von den Engeln geschickt, direkt vom Himmel auf die kleine Lichtung herabstrahlte.
Wieder spürte sie den eindringlichen Blick der Wölfin auf sich ruhen, begriff die stumme Aufforderung darin. Schweigend lenkte Celia ihre Schritte in Richtung des Lichtes, trat hinein in den Kegel aus Sternenglanz, verlor sich in seiner Schönheit und unerwarteten Wärme. Langsam, kaum spürbar entglitt sie aus den Augen der Wölfin, die ihr mit dem traurigen Blick ihrer grünen Augen nachsah. Doch Celia war bereits viel zu weit der vermeintlichen Wirklichkeit entschwebt, als dass sie gesehen hätte, wie eine winzige Träne einer Glasperle gleich auf dem Boden zerschellte.
Nur eines vernahm Celia noch lange:
Das leise Lied der Wölfin, die mit ihrer klagenden Melodie wie so oft in jenen Tagen eine verlorene Seele beweinte.

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