Freitag, 1. September 2006

Weihnachtsstern

„Hast du auch nichts vergessen?"
„Nein, Mom! Bis heute Nachmittag!", rief Marina fröhlich, bevor sie in den Bus einstieg.
Sofort schlug ihr der gewohnte Schulbusmief entgegen, der unverkennbare Geruch nach verstaubten Büchern und Langeweile.
Aber heute lag auch noch ein anderer, lieblich-zarter Duft in der Luft:
Weihnachten.
Es war der 22. Dezember, der letzte Schultag vor den Ferien und in Marinas Schule jedes Jahr ein ganz besonderer Tag. Das ganze Schulhaus war wunderschön geschmückt mit roten und goldenen Girlanden. Im Speisesaal hatte man den alten, künstlichen Weihnachtsbaum aufgestellt, der wahrscheinlich schon älter war, als es seine lebenden Artgenossen überhaupt werden konnten. Seine windschiefen Äste bogen sich unter der Last unzähliger bunter Riesenkugeln und tonnenweise Lametta. Die großen leuchtenden Lämpchen der Lichterkette, die durch den Lamettawald schimmerten wie fette Glühwürmchen, gehörten genauso zur Tradition wie der spiegelglattgebohnerte Fußboden, der jedes Jahr aufs Neue zahlreiche Opfer forderte. - Von schadenfrohen Lachanfällen der beistehenden Zuschauer bis hin zu gebrochenen Knochen und sonstigen kleinen Blessuren war stets alles vertreten.
Marina lief durch die breiten, bunt geschmückten Flure des alten Gemäuers, auf dem Weg zu ihrem Spind.
Unterwegs lief sie Nici, ihrer besten Freundin, über den Weg.
„Hi, Marina!", rief sie ihr schon von Weitem zu. Über ihrem Kopf hielt sie einen kleinen Blumentopf, den sie beim Laufen so sehr durchschüttelte, dass Marina das zierliche Pflänzchen darin fast leid tat.
„Ist das dein Weihnachtsstern für dieses Jahr? Etwas... mickrig, findest du nicht?", bemerkte Marina skeptisch, als Nici ihr den Blumentopf grinsend unter die Nase hielt.
Das kleine Dörfchen, in dem die Freundinnen von Geburt an lebten, war in der Gegend bekannt für seine Weihnachtssterne. Schon allein aus diesem Grund war es in der Schule zur Tradition geworden, dass sich die Schüler gegenseitig mit diesen Pflanzen beschenkten.
Als Marina ihren Spind aufschloss, fiel ihrer Freundin sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Gemeinsam bewunderten die beiden Mädchen Marinas wunderschönen Weihnachtsstern.
„Wow! Der ist ja schön.", staunte Nici.
„Ja, nicht wahr? Der neueste Prototyp meiner Mutter."
Obgleich das Dorf nicht groß war, gab es gleich mehrere Gärtnereien. Eine davon gehörte Marinas Mutter. Doch während sich die anderen Gärtnereibesitzer ausschließlich die üblichen roten Weihnachtssterne verkauften, hatte sie sich auf die Züchtung exotischer Blütenfarben spezialisiert.
Dieses Jahr hatte Marinas Weihnachtsstern etwas ganz Besonderes werden sollen. Aus diesem Grund hatte sie ihrer Mutter ihre neueste Kreation abgeschwatzt:
Die Laubblätter der Pflanze waren dunkelgrün und von schmaler Form, wirkten zart in Verbindung mit der edlen dunkelblauen Blüte, die zudem noch ungewöhnlich groß schien. Als Sahnehäubchen hatte Marina die Blütenblätter am Morgen noch mit goldenem Glitzerstaub bestreut, was die Pflanze noch kostbarer wirken ließ. All das glänzte in einem blassgoldenen Topf.
„Und für wen ist dieses Prachtstück?", flötete Nici, „Doch nicht etwa für Mario, oder?" Sie amüsierte sich über Marinas gereizte Reaktion.
„Nein, Unsinn!" Marina konnte sich noch sehr gut daran erinnern, wie sie Mario vor einem Jahr ihren Weihnachtsstern geschenkt hatte, weil sie sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund in dem Jungen verguckt hatte. - und daran, wie er ihn später in einer Mülltonne versenkt hatte.
„Idiot.", murmelte Marina.
„Wie bitte? Hast du was gesagt?"
„Nein, nichts. Komm, der Unterricht fängt bald an."
„Aber nun sag schon! Für wen ist er dieses Jahr?", bohrte Nici weiter.
In diesem Moment kam er um die Ecke gelaufen: Groß, dunkle Haare und die schönsten kastanienbraunen Augen, die Marina je gesehen hatte. Seit einer halben Ewigkeit wünschte sie sich schon, dass diese Augen sie einmal beachten würden.
Nici beobachtete ihre Freundin, die - mit einem idiotischen Grinsen im Gesicht - dem Jungen aus ihrer Parallelklasse nachschaute, eine Weile, bevor sie sich räusperte und Marina damit aus ihren Tagträumen riss.
„Aha, für Tom also. Bei Mario hättest du bessere Chancen gehabt.", bemerkte sie trocken und holte ihre Freundin damit unsanft in die Realität zurück.
Marina aber sagte nichts, schloss ihren Spind ab und machte sich gut gelaunt auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer.
Es folgte die wohl langweiligste Geschichtsstunde, die je ein Lehrer zustande gebracht hatte.
Nici malte bunte Bildchen in ihr Heft, die den Lehrer in Gestalt verschiedener Tiere zeigten, wobei der alte graue Mann mit der dicken Hornbrille und den dahinter geradezu riesig wirkenden Augen dem Uhu am ähnlichsten sah, an dem sie gerade arbeitete.
Marina indes starrte aus dem halb angelaufenen Fenster auf den Schulhof hinaus.
Es waren nur noch wenige Minuten Unterricht und die ersten Schüler tummelten sich bereits auf dem Hof. - Unter ihnen entdeckte Marina auch Tom.
Während sich die anderen Jungen eine hitzige Schneeballschlacht lieferten - und damit gegen die so oft gepredigte Hausordnung verstießen - saß Tom nur am Rande des Geschehens und sah dem bunten Treiben zu. Ab und an grinste er oder hob den Arm, um einen auf ihn zu fliegenden Schneeball abzuwehren.
Er war so viel vernünftiger als die anderen Jungs in seinem Alter, dachte Marina.
Wie schön wäre es doch, ihn einmal näher kennen zu lernen.
Doch Marina kam nicht dazu, ihren Traum zuende zu spinnen, denn Nici stieß sie unsanft mit dem Ellenbogen an, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass der ohnehin schon griesgrämig dreinblickende Lehrer seit geraumer Zeit eine Antwort von ihr erwartete.
„Nun, Fräulein Petersen, bekomme ich nun vielleicht eine Antwort auf meine Frage, oder ist der Pausenhof immer noch interessanter?"
Marina sah betreten auf den Tisch vor sich. Sie hatte ja nicht einmal die Frage verstanden.
Doch sie hatte Glück. In diesem Moment erklang der schrille Ton der Schulglocke und der Lehrer entließ die Klasse - mit einem leisen Aufatmen, wie Marina meinte - in die Pause.
Jetzt war es soweit. Gleich würden sich alle Schüler in der Aula versammeln, um die Festrede des Direktors zu hören und anschließend die Weihnachtssterne zu tauschen.
Marina war aufgeregt. Auf dem Weg zu ihrem Spind spielte sie den geplanten Ablauf der nächsten Minuten immer und immer wieder durch: Sie würde einfach zu ihm gehen, ihm den Blumentopf in die Hand drücken und dann so schnell wie möglich verschwinden. - So hatte sie es sich jedenfalls vorgenommen.
Während sich Marina auf dem Weg durch den Korridor in Richtung Aula befand, dachte sie unablässig an Tom. So bekam sie auch nicht sofort mit, dass jemand um die Ecke gerannt kam. Als sie es schließlich doch bemerkte, war es schon längst zu spät.
Marina hörte ein lautes Scheppern und ihren eigenen erschrockenen Aufschrei, dann spürte sie den Zusammenstoß und fand sich einen Augenblick später auf dem polierten Fußboden wieder. - An den Aufprall sollten sie mehrere blaue Flecken noch Tage später erinnern.
Als Marina es wagte die Augen zu öffnen, musste sie sich sehr zusammennehmen, um nicht sofort loszuheulen. Ihr schöner, kostbarer Weihnachtsstern lag am Boden, die große Blüte abgeknickt, die Scherben des Topfes und die Blumenerde weit über den Boden verstreut.
Dieser grauenhafte Anblick ließ all ihre schönen Träume von diesem Tag wie eine große Seifenblase zerplatzen.
„Oh, das tut mir wirklich Leid.", hörte Marina eine Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehte, machte ihr Herz einen Satz. - Es war Tom, der diese Entschuldigung stammelte.
Er erhob sich vom Boden und klopfte sich Staub und Erde von seiner Jeans.
„Der war bestimmt teuer." Vorsichtig, so als wäre sie aus Porzellan, hob er die Blüte vom Boden auf und drehte den Stängel zwischen den Fingern, während er sichtlich verlegen nach den richtigen Worten suchte.
„Du kannst meinen haben, wenn du willst.", meinte er zaghaft, während er ihr einen schlichten, aber dennoch schönen Blumentopf mit einer leuchtend roten Pflanze entgegenstreckte, die wie durch ein Wunder nur ein einziges Blatt verloren zu haben schien. „Er ist nichts Besonderes, aber vielleicht besser als nichts."
Tom stellte den Topf vor Marina ab, die immer noch auf dem Fußboden zwischen Erde und Scherben saß, und sah sich wehmütig das Chaos an.
Plötzlich hellte sich seine Miene auf. Er griff nach einer großen goldenen Scherbe des zersplitterten Topfes und drehte sie im Licht hin und her.
Auf dem Stückchen Ton stand in silbern glitzernden Schnörkelbuchstaben sein Name geschrieben.
Er lächelte und als Marina bemerkte, was er da in den Händen hielt, spürte sie förmlich, wie sie knallrot anlief. Toms Lächeln wurde breiter, als er die Scherbe in seine Hosentasche schob und Marina seine Hand anbot, um ihr aufzuhelfen. Dann nahm er wiederum den Weihnachtsstern, den er ihr zuvor angeboten hatte, und drückte ihn Marina mit einer Geste in die Hand, die keinerlei Widerspruch duldete.
Als das verdutzte Mädchen etwas erwidern wollte, meinte er nur: „Behalt ihn. Ich habe meinen Weihnachtsstern schon gefunden."
Mit diesen Worten ließ er Marina allein auf dem Gang zurück, während er, die blaue Blüte immer noch in der Hand, in Richtung des Pausenhofes davonging.

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