Samstag, 1. April 2006

Todesengel

Er lächelte, als er den schwarzen Wagen davonfahren sah. Wieder hatte er jemandem einen Gefallen getan. Dieses Mal war es die alte Frau Schulze gewesen. Er hatte die betagte Dame gemocht, nur deshalb hatte er ihr auch geholfen. Seit fünf Jahren war er nun schon Krankenpfleger in der großen Klinik am Stadtpark. Als kleiner Junge hatte er Feuerwehrmann werden wollen oder Polizist, aber nie im Leben Arzt oder etwas, das auch nur im Entferntesten mit Krankenhäusern zu tun hatte. Doch nachdem er als Jugendlicher einen schweren Unfall miterlebt hatte, hatte sich das schlagartig geändert. Von jetzt auf gleich hatte er seine gesamte Zukunftsplanung umgeworfen und beschlossen, Medizin zu studieren.
Er erinnerte sich daran, als wäre es erst gestern passiert. Dabei war es schon sieben Jahre her. Er wollte die Bilder nicht mehr sehen, wollte die Augen davor verschließen, doch das war unmöglich. Sie überfielen ihn immer wieder. Nicht mehr nur nachts, sondern auch tagsüber. Besonders tagsüber. Sobald er einmal zur Ruhe kam, waren sie wieder da. Manchmal waren es nur einzelne Bilder, hin und wieder sah er auch den gesamten Unfall wie einen Film vor seinen Augen ablaufen.
Er sah, wie der Schnee in großen Flocken fiel, wie sie in den Bus einstiegen, von dem sie glaubten, dass er sie nach Hause bringen würde. Sie war so hübsch gewesen. Wenn er an sie dachte, konnte er sie sehen, so als wäre sie da, als würde sie vor ihm stehen. Ihre langen Haare fielen in blonden Kaskaden um ihr Gesicht und ihre meerblauen Augen strahlten, als sie ihm von ihrem Pferd erzählte. Ihr schwarzer Hengst war ihr ein und alles gewesen, ihr größter Schatz, der nicht gegen Gold aufzuwiegen war. Sie hatte Abraxas vergöttert, hatte jede freie Minute im Pferdestall oder auf dem Rücken dieses wunderschönen Tieres verbracht.
Eigentlich war es ein schöner Tag gewesen. Der letzte Tag vor den Weihnachtsferien. Beinahe wären sie zu Hause gewesen. Sonst stieg sie schon früher aus, aber an diesem Tag hatte er sie überredet, mit zu ihm zu kommen. Sie hatte ihm regelmäßig Nachhilfe in Biologie und Chemie gegeben und nach den Ferien stand eine wichtige Arbeit an, die er auf keinen Fall verhauen durfte. Nur deshalb war sie noch im Bus, an der nächsten Haltestelle wären sie ausgestiegen. Doch so weit kam es nicht mehr. Er erinnerte sich noch genau daran, dass ihm der Busfahrer schon zu Beginn der Fahrt durch seinen schlingernden Fahrstil aufgefallen war. Ein paar der anderen Jungen hatten sich darüber lustig gemacht, doch er hatte von Anfang an ein komisches Gefühl gehabt. Der Fahrer schien von Zeit zu Zeit abwesend, fast als würde er mit offenen Augen schlafen. Er hatte ihn genau beobachtet, ihn selbst während der laufenden Gespräche mit seinen Freunden nicht für eine Sekunde aus den Augen gelassen. Er hatte gesehen, wie der Mann plötzlich die Augen aufgerissen hatte und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden gefallen war. Danach war alles ganz schnell gegangen. Niemand hatte mehr etwas tun können. Der führerlose Bus war in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn geraten und mit einem entgegenkommenden Lastwagen zusammengeprallt. Hätte der LKW den Bus nicht gestoppt, hätte er sicher auch noch die Leitplanke durchbrochen und wäre den Abhang hinuntergestürzt. Er fragte sich noch heute, was wohl besser gewesen wäre.
Damals hatte er über so etwas nicht einmal nachgedacht. Er hatte gespürt, wie er durch die zersplitterte Scheibe katapultiert wurde und wie er hart auf der Straße aufschlug. Es war sein Glück gewesen. Der Bus ging wenige Sekunden später in Flammen auf. Sie war ebenfalls aus dem Bus geschleudert worden, doch sie hatte nicht so viel Glück gehabt. Noch auf der Straße war sie in seinen Armen gestorben, obwohl er sie immer wieder angefleht hatte, bei ihm zu bleiben, durchzuhalten. Er hatte sich so verdammt hilflos gefühlt. Es war ein schreckliches Gefühl, so hilflos zu sein, nichts – gar nichts - tun zu können. Und es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis der erste Rettungswagen und die Feuerwehr eingetroffen waren. Er wagte nicht darüber nachzudenken, ob sie vielleicht noch leben könnte, wenn der Rettungsdienst sich nicht so viel Zeit gelassen hätte.
Doch dieser Tag, an dem insgesamt dreizehn Jugendliche ihr Leben verloren, hatte sein Leben für immer verändert. An diesem Tag hatte er beschlossen, sich in Biologie und Chemie auf die bestmöglichen Noten hochzuarbeiten, sein Abitur so gut wie nur irgend möglich abzuschließen und Medizin zu studieren. Seit diesem Tag war es sein Ziel gewesen, Arzt oder Sanitäter zu werden, um anderen Leuten zu helfen. Und das hatte er getan, oder zumindest arbeitete er daran. Zum Arzt war es ein langer Weg und er hatte klein anfangen müssen. Aber er würde es schaffen, das hatte er ihr an ihrem Grab versprochen.
Er wollte helfen, wollte den Menschen ihre Schmerzen nehmen. Er ertrug es nicht, andere Leute leiden zu sehen. So, wie sie damals gelitten hatte. Ihr hatte er nicht helfen können. Jetzt konnte er es. Und das machte ihn stolz. Er war sich sicher, dass sie auch stolz auf ihn wäre.
Die alte Frau Schulze war schon dreimal am Herzen operiert worden. Aller zwei Wochen hatte sie zur Untersuchung kommen müssen und regelmäßig hatte sie erst Wochen später wieder nach Hause gehen dürfen. Das hatte er nicht mehr mit ansehen können. Was war das noch für ein Leben? Kein besonders lebenswertes, da war er sich sicher. Doch nun hatte sie keine Schmerzen mehr. Nun würde sie nie wieder zu einer dieser ewig langen Untersuchungen kommen müssen. Sie würde nie wieder im Krankenhaus bleiben müssen, würde nie wieder eines betreten müssen.
Sie war friedlich eingeschlafen. Er war dabei gewesen, hatte an ihrem Bett gesessen und ihr die von der jahrelangen schweren Arbeit mit Schwielen bedeckte Hand gehalten, als sie aufgehört hatte zu atmen, als ihr Herz das Schlagen eingestellt hatte. Sie hatte so entspannt ausgesehen, so glücklich. Dies war jedes Mal die größte Belohnung für seine Arbeit. – Wenn er sah, dass es einem zuvor leidenden Menschen gut ging und er wusste, dass er ihn von seinen Schmerzen befreit hatte.
Er stand in dem Zimmer, in dem die alte Dame bis vor ein paar Minuten noch gelegen hatte und sah dem schwarzen Fahrzeug hinterher. Schwarz war eine so erdrückende Farbe. So unpassend, wenn man bedachte, dass die Frau nun endlich erlöst war.
Die junge Krankenschwester, die gerade das Bett abzog, seufzte.
„Ich verstehe das nicht. Vor einer Stunde ging es ihr doch noch so gut und jetzt ist sie tot? Dabei hat sie doch nie Schmerzen gehabt und sich auch sonst nie beklagt. Sie war so eine nette alte Dame, so freundlich und gutherzig. Mit der neuen Herzklappe und ihrem Lebenswillen hätte sie doch leicht noch hundert Jahre alt werden können. Und dabei hat sie doch immer gesagt, dass sie ihre Enkel noch überleben will. Sie war doch erst 76...“
Bei diesen Worten musste er schmunzeln. Das Mädchen war noch ein halbes Kind, sie hatte ja keine Ahnung. Er hatte der alten Frau einen Gefallen getan und sie hatte es ihm schweigend gedankt. Er brauchte keine Worte, um zu wissen, dass die Erlösten ihm dankbar waren.
In Gedanken an seine Märtyrertat wandte er sich wieder zum Fenster, während ein leises, unbemerktes Lächeln seine Lippen umspielte.

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