Montag, 6. Februar 2006

Warum weinst du, Mami?

„Bist du traurig, Mami?“
„Nein, es ist nichts, geh wieder spielen.“
Mit diesen Worten wandte sie sich ab, blickte aus dem Fenster hinaus auf den verschneiten Hinterhof des Mehrfamilienhauses am Rande der Großstadt.
„Mami, ich möchte draußen spielen.“
„Ja, Moment, ich komme gleich.“
Sich selbst aus ihren Träumen von besseren Zeiten reißend, stand sie auf, darauf bedacht, das Kind zu ihren Füßen nicht anzusehen.
Während sie ihm das grüne Jäckchen anzog, während sie ihm die blauen Stiefelchen zuband, während sie ihm das bunte Mützchen auf den Kopf setzte, sah sie über seine Schulter, auf den Fliesenboden, über seinen Kopf hinweg. Unfähig es anzusehen, ihm in die Augen zu schauen.
„Mami, gehen wir auf den Spielplatz?“
„Ja, gut.“
Sie sah das Kind an ihrer Hand nicht an, während sie die Treppe hinunter und die Straße entlang liefen. Ließ seine Hand los, als sie den Spielplatz erreichten.
Eine völlig mechanische Reaktion, ohne Gefühl. Sie funktionierte nur noch, wie eine Maschine. Sah das Kind nicht einmal an, als es zur Schaukel rannte.
Sie wandte sich ab, so wie sie es immer tat, und setzte sich auf eine der alten braunen Bänke. Da waren sie wieder – wie jedes Mal. All diese Menschen, diese Frauen, die sie so sehr hasste. Gleich würde sich jemand zu ihr setzen. Da kam sie schon. Die Frau im knallroten Wintermantel und den teuren Lederstiefeln, den Blick mal auf den Weg, mal auf ihre beiden spielenden Kinder gerichtet.
„Guten Tag, Frau Müller!“
„Guten Tag.“
Sie hatte keine Lust mit der Frau zu reden.
„Na, sind Sie auch mal wieder hier?“
„Hmm.“
„Wie geht es denn Ihrem Mann? Den habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Hat er viel zu tun?“
„Ich weiß nicht, er wohnt nicht mehr bei uns.“
„Oh, hat er endlich Arbeit gefunden und musste in eine andere Stadt?“
„Nein. Wir wollen uns scheiden lassen.“
„Das tut mir Leid. Und die Kinder? Wie gehen die damit um? Na ja, der Kleine bekommt das ja sicher noch nicht mit, er ist ja gerade erst geboren. Ist es eigentlich ein Junge oder ein Mädchen?“
„Gar nichts. Es gibt kein zweites Kind.“
„Was? Aber Sie waren doch schwanger, oder nicht?“
„Ja.“
„Wollten Sie es nicht? Ich meine, es wäre ja zu verstehen, in Ihrem Alter schon zwei Kinder und kurz vor der Scheidung. Wollten Sie es deshalb nicht haben?“
„Doch. Ich wollte es.“
„Aber... wo ist es dann? Hat er es mitgenommen?“
„Nein. Es lebt nicht mehr. Es war schon tot.“
Sie stand auf und ließ die Frau allein zurück, rief ihr Kind, ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie hasste diese Frau. So, wie sie sie alle hasste. Sie hasste sie, weil sie gesunde Kinder hatten. Alle. Nur sie nicht.
Sie hatte nur ein Kind. Ein krankes Kind. Ein Kind, das sie bald verlieren würde. Ein zweites hatte sie sich gewünscht, hatte es bereits unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate lang. Doch es war ihr genommen worden, bevor sie es auch nur ein einziges Mal im Arm hatte halten können. Es war stumm zur Welt gekommen. Hatte ohne ein Wort ihr Leben zerstört.
Und auch ihr erstes Kind würde ihr bald genommen, doch das wusste nur sie. Sie allein wusste, dass sie ihr Kind – ihr Kind, das so viel mehr Liebe brauchte – seit diesem düsteren Tag, auf den nur noch düstere Tage folgen sollten, nicht einmal mehr ansah.
Sie hatte es versucht, sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Das redete sie sich jedenfalls ein. Doch bei jedem Blick in diese großen blauen Kinderaugen, die so unschuldig aussahen und so wenig über ihr eigenes Schicksal wussten, hatte es sie beinahe zerrissen. Es hatte so furchtbar geschmerzt, als die Wunden in ihrem Herzen bei jedem Blick wieder von neuem aufgerissen waren, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch, vor einem Abgrund gestanden hatte.
Sie hatte die Wahl gehabt: Umkehren oder weiter willenlos darauf zu laufen, um am Ende hineinzustürzen.
Also hatte sie sich abgewandt. Abgewandt vom schwarzen Abgrund und den unschuldigen Kinderaugen, die nichts wussten über die Schmerzen, welche sie im Herzen ihrer Mutter verursachten.
Sie hatte ihren Schmerz verdrängt. Hatte sich gezwungen zu vergessen, wegzuschauen aus Angst vor neuem Leid. Und sich damit begnügt, alle Welt zu hassen. Andere Gefühle hatte sie sorgsam mit dem Schmerz weggesperrt – ohne Ausnahme. Alle. Auch die Liebe. Die Liebe, die ihr lebendes – noch lebendes – Kind so sehr brauchte.
Sie hatte sie vernichtet. Für alle Zeit.
Nun empfand sie nur noch eins: Angst.
Angst vor dem Tag, an dem sie keine Antwort mehr fand als die Wahrheit.
Keine Antwort auf die Frage:
„Warum weinst du, Mami?“

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