Sonntag, 27. November 2005

Und sein Name ist Krieg

Langsam, ziellos stolperte er durch die dunklen Gassen einer Ruinenstadt.
Schon wieder heulte die schrille Stimme der Sirenen durch die Nacht über Berlin.
Das ging schon seit Tagen so: Die Sirene erklang und sofort brach Panik los. Alle Leute liefen durcheinander, suchten Schutz in den wenigen, viel zu kleinen Luftschutzkellern, die noch erhalten waren, bevor er kam. Es herrschte das Recht des Stärkeren. Wer nicht kämpfte, blieb auf der Strecke. Wer zu schwach war, starb.
Wenn er über die Stadt flog, war plötzlich alles still. Man hörte nur seine Motoren. Dann und wann waren schon Bomben gefallen. Bomben, die ihm seinen Vater und sein linkes Bein genommen hatten.
Doch er hatte nicht nur seinen Vater mit sich gerissen. Er hatte viele sterben sehen. Viel mehr als ein Kind vertragen konnte.
Er war kein normales Kind mehr. Von heute auf morgen hatte er ihm sein Kindsein genommen, ihn erwachsen gemacht. Und ein Erwachsener musste mehr ertragen können.
Als die Sirene zum ersten Mal aufgeschrieen hatte, hatte niemand gewusst, dass er kommen und alles verändern würde. Und dabei hatte er bereits vor den Toren der Stadt gestanden, so nah, dass man seinen Atem hätte spüren müssen. Doch niemand hatte vor ihm gewarnt. Niemand hatte den Müttern gesagt, wie es wirklich um ihre Söhne stand, die da draußen mit seinen eigenen Waffen gegen ihn kämpften.
Vor ein paar Tagen waren sie gerannt, wenn die Sirenen brüllten, hatten erbittert um Plätze in einem der Keller gekämpft. Er hatte sich an seinen Vater geklammert, seine Mutter angestarrt mit angsterfüllten Augen, gehofft, dass sie in dem Gedränge die kleine Schwester in ihrem Arm nicht losließ. Er hatte geweint, wenn er Leute auf der Straße sterben sah. Doch schlimmer als die Sterbenden war das Leid derer, denen der Tod nicht gegönnt war. Diejenigen, die weinend und schreiend durch die Straßen irrten, hilflos, hoffnungslos, verloren. Er hatte Mitleid gespürt, das Bedürfnis den Hilfesuchenden Hilfe zu geben, wohlwissend, dass er es nicht konnte.
Heute ging er an ihnen vorbei, an den Sterbenden wie an den Leidenden, gelegentlich sah er ihnen ins Gesicht. Kein Ton, kein Gefühl, nur ein leerer Blick in ihr Gesicht - in sein Gesicht. So als hätte er ihm auch seine Seele genommen.
Vielleicht hatte er ihm auch seine Mutter genommen. Vielleicht auch die kleine Schwester. Vielleicht würde er sie wiederfinden, vielleicht auch nicht.
Auf jeden Fall hatte er ihm seine Hast, seine Angst genommen. Er sah ihn inzwischen jeden Tag, sah ihm direkt ins Gesicht, respektlos jetzt, verächtlich.
Er stützte sich auf seine Krücke, einen Stock, den er aus den Trümmern eines Hauses gezogen hatte, der ihm Halt gab, vielleicht den einzigen, den er noch hatte.
Über den Ruinen Berlins ging die Sonne auf, langsam, als gäbe es keinen Grund zur Eile, gab die Sicht frei auf alles, das doch nichts mehr war.
Flüchtig dachte er an einen alten Mann, der über "den Führer" gesprochen hatte, einen Fanatiker, der am liebsten die ganze Welt erobert hätte.
Und doch gibt es nur einen, der mächtig genug ist, über die ganze Welt zu herrschen - und sein Name ist Krieg.

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